Matthias Meisner, Paul Starzmann: Mut zum Unmut.
Eine Anleitung zur politischen Widerspenstigkeit.
von Klaus Ludwig Helf, November 2025
"Denn nichts ist schwerer und nichts erfordert mehr Charakter, als sich im offenen Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und laut zu sagen: Nein!", schrieb Kurt Tucholsky in der WELTBÜHNE vom 6. Oktober 1921. Er bezog sich dabei auf den US-amerikanischen Gesellschaftsrebellen, Philosophen und Schriftseller Henry David Thoreau und dessen Schrift "Civil Disobedience", die weltweit zu einer Art Bibel der Zivilcourage avancierte. An diese Traditionslinien knüpfen die Autoren Matthias Meisner und Paul Starzmann in ihrem Band an und legen eine aktualisierte Anleitung zur politischen Widerspenstigkeit vor. Denn diese sei notwendig in den rauen und ruppigen Zeiten des autoritären "Trumpismus", der auch in Europa und in Deutschland seine Fans habe.
Mit ihrem Buch wollen die Autoren "... den Ruf der Aufmüpfigen, der Streithähne und der Meckerliesen zurechtrücken, weil wir sie brauchen - und weil es Ja-Sagerei, Stiefellecken und Opportunismus schon genug gibt... Widersetzen wir uns häufiger! Erheben wir Einspruch! Begehren wir auf! Meckern und nörgeln wir!" (S.19). Es ist ein Appell und ein Plädoyer, den menschlichen Widerstandsgeist in uns wachzurufen, den wir gerade jetzt bräuchten - so die beiden Autoren -, wo negative Nachrichten und Resignation alles zu dominieren scheinen. Es sei höchste Zeit, Politik und Gesellschaft Feuer unter den Hintern zu machen, aktiv, kämpferisch und widerborstig zu werden, die Gleichgültigkeit abzulegen, "Nein!" zu sagen, anzuecken - im Job, auf der Straße und in der Politik.
Renitenz zu zeigen, berge allerdings auch das Risiko, zum "Quertreiber" und "Querulanten" abgestempelt oder für absonderlich oder für psychisch krank erklärt zu werden. Andererseits sei Renitenz und Rebellentum auch Teil des popkulturellen Mainstreams und des rechten Populismus geworden. Beide verfolgten ganz andere Ziele als eine Demokratisierung einer sozialen Gesellschaft. Es bestehe daher die Gefahr, von ihnen instrumentalisiert und aufgefressen zu werden. Renitenz und Aufmüpfigkeit sei bei ihnen lediglich gespielt und Widerstand ein gesellschaftliches Theaterstück.
Die Grenzen zwischen Mut und Übermut, Debatte und Streitlust, Kampfgeist und Militanz seien fließend, mahnen die Autoren zu Recht. Renitenz sei eben nichts für die Rücksichtslosen, für die Egoistinnen und Opportunisten für die Halsabschneider und für die Profitgierigen: "Renitenz ist der Widerstand der Aufmüpfigen, der Unbequemen, der Störenfriede und Meckerliesen, denen es nicht nur ums eigene Ego geht - sondern darum, grundsätzlich etwas zu bewegen, für sich und andere" (S. 242). Damit ist ein klarer Schlussstrich gegen die Widerspenstigkeit und Empörungswut oft narzisstisch geprägter Egomanen und auch rechtspopulistischer Demagogen gezogen. Widerspenstigkeit braucht auch Vorbilder. Die Autoren zeigen uns an den Biografien vieler mehr oder weniger prominenter Menschen, wie konstruktiver Ungehorsam funktionieren kann u.a.: Rosa Luxemburg, Petra Kelly, Kevin Kühnert, Werner Schulz, Marco Wanderwitz, Kristina Hänel, Anne Wizorek, Marie von Kuck, Marco Bülow, Michel Friedman, Heidi Reichinnek.
In dem Band werden auch vortreffliche Tricks und Techniken vorgestellt, unser Selbstbewusstsein zu stärken oder unsere psychische Widerstandskraft zu trainieren. Dazu dienen auch die "Zwölf Gebote der Renitenz" am Schluss des Bandes. Wichtig für eine erfolgreiche Renitenz sei neben der Hartnäckigkeit und den sachlichen Argumenten auch der Humor, der Distanz schaffe zu sich selbst und zu den Dingen um einen herum. Man könne viele Absurditäten des Alltags besser erkennen und verlöre einen falschen Respekt vor Obrigkeiten.
Herzlichen Glückwunsch an die Autoren und an den Verlag zu diesem erfrischenden Band, der selbst in finsteren Zeiten wie diesen Mut macht, sich aufzulehnen, die Klappe aufzumachen, widerborstig zu sein gegen weitverbreitete Gleichgültigkeit und Empathiemüdigkeit in unserer Gesellschaft.
Matthias Meisner, Paul Starzmann:
Mut zum Unmut.
Eine Anleitung zur politischen Widerspenstigkeit.
Verlag J.H.W. Dietz Nachf. Bonn 2025
Klappenbroschur, 256 Seiten, 22.00 Euro.
ISBN 978-3-8012-0707-6
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Quelle:
© 2025 by Klaus Ludwig Helf
Mit freundlicher Genehmigung des Autors
veröffentlicht in der Online-Ausgabe des Schattenblick am 21. November 2025
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