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WISSENSDURST/061: Verstopfung ... (SB)



Ben und Stefan - Buntstiftzeichnung: © by Schattenblick

Grafik: © by Schattenblick


Stefan und Ben hatten sich mit der Endlagerung des Treibhausgases Kohlendioxid im Meeresboden, kurz CCS-Technologie, (CCS = Carbon Capture and Storage, d.h. die Abscheidung und anschließende Deponierung von Kohlendioxid) beschäftigt. Dabei sind sie auf eine ganze Reihe von Problemen gestoßen, die nicht gleich offensichtlich waren. Was zunächst als einfache Lösung erschien, erwies sich als Auslöser vielseitiger Gefahren und nachhaltiger Schädigungen der Umwelt. Die beiden wollen herausfinden, was mit dem CCS-Verfahren erreicht werden kann, und ob es tatsächlich zur Verringerung des Kohlendioxids in der Atmosphäre beiträgt.

Ben: "Gestern Abend habe ich mit meinem Vater gesprochen und ihn gefragt, was er von der CO2-Speicherung im Meeresboden hält."

Stefan: "Und, was hat er gesagt?"

Ben: "Dass er sehr skeptisch ist, was die Sicherheit dieser Technologie angeht, was ihn aber viel nachdenklicher macht, ist die Vermutung, dass es bald nicht mehr darum geht, den CO2-Ausstoß zu verringern."

Stefan: "Wie kommt er denn darauf?"

Ben: "Er hat mit einem Bekannten gesprochen, der bei einem großen Chemie-Konzern arbeitet. Der soll berichtet haben, dass 2011 der Schwerpunkt der Forschung noch auf die Reduzierung des CO2-Ausstoßes gerichtet war und dass es heute nicht mehr in erster Linie darum geht. Es hat den Anschein, als wenn Unternehmen und Politik darauf setzen, möglichst schnell und möglichst viel CO2 im Meeresboden zu versenken."

Stefan: "Ja, das kann ich mir denken. Wenn man das CO2 verschwinden lassen kann, braucht sich keiner mehr darum zu bemühen, neue Technologien zu entwickeln, die einen erhöhten CO2-Ausstoß verhindern."

Ben: "Genau, aber dann müssten sich alle einig sein, dass das Verpressen von Kohlendioxid in ausgedienten Öl- und Gas-Bohrstellen oder im Meeresgrund wirklich sicher ist, und das möchte ich erst einmal genau wissen."

Stefan: "Was schlägst du vor, wie wollen wir vorgehen?"

Ben: "Wir können im Netz nach Informationen suchen und außerdem gibt es einen 'Rundbrief' vom Forum Umwelt und Entwicklung, also ein Info-Heft, das liegt schon seit letztem Jahr bei meinem Vater herum. Er hat sich daran erinnert und es mir gegeben. Da finden wir bestimmt etwas, denn darin dreht es sich nur ums Thema CCS." [1]

Stefan: "Das ist doch super, fangen wir doch damit an."

Stefan und Ben holten sich das besagte Heft, etwas zu trinken, setzten sich vor den Schreibtisch und blättern erst einmal herum.

Stefan: "Weißt du, irgendwo müsste dieses CO2-Speicherverfahren doch schon ausprobiert worden sein, vielleicht funktioniert das bereits und ist sicher, könnte doch sein?"

Ben: "Ja, vielleicht, aber ich traue dem Ganzen noch nicht. Lass uns nachsehen, ob wir etwas finden, was auf bereits bestehende CCS-Anlagen hinweist."

Ben: "Warte mal, hier: 'Die Erfahrungen mit Offshore-CCS sind begrenzt', lass uns das mal lesen."

Stefan: "Das sind aber eine Menge Informationen, ich kann das alles nicht behalten, aber immerhin habe ich einen Eindruck von den Risiken dieser Technologie gewonnen."

Ben: "Zusammengefasst hat es der Autor des Artikels auf Seite 23: 'Sowohl on- als auch offshore hat CCS eine jahrzehntelange Geschichte des Scheiterns. Nahezu jedes Vorzeigeprojekt ist aufgrund von Kostenüberschreitungen oder Problemen mit der Technologie selbst gescheitert.'"

Stefan: "Das heißt, offshore-CCS bedeutet also 'Carbon Capture and Storage' unter dem Meeresboden. Das Verpressen von CO2 an Land, zum Beispiel in ausgedienten Bohrlöchern, ist in Deutschland noch verboten, aber seit Mai 2024 kann die CO2-Lagerung im Meeresboden ohne Beschränkungen durchgeführt werden, obwohl es keine eindeutigen Erkenntnisse über Risiken und Sicherheit gibt."

Ben: "Halt, stopp mal, ich habe gerade einen Geistesblitz, was die Sicherheit des Meeresbodens anbelangt. Erinnerst du dich an den Geologieunterricht?"

Stefan: "Nur wenig, ist ja nicht so mein Lieblingsfach."

Ben: "Egal, das Thema war doch Plattentektonik, die Bewegung der Erdkrustenplatten, also ihre Verschiebung mit- und gegeneinander. Der Meeresboden ist davon nicht ausgenommen. Der scheint doch reichlich in Bewegung zu sein?"

Stefan: "Ah, jetzt erinnere ich mich, zwar nicht an den Unterricht, aber daran, dass die Ozeanplatten und die Plattentektonik zusammenwirken und der Meeresboden keineswegs als stabil angesehen werden kann. Durch Erdrutsche können Tsunamis und durch sogenannte Megathrust-Erdbeben an den Plattengrenzen unterseeische Vulkanausbrüche ausgelöst werden."

Ben: "Was ist denn ein Megathrust-Erdbeben?"

Stefan: "Na, ein riesiges Erdbeben, bei dem eine Erdplatte sich unter eine andere schiebt, wodurch ein solches Erdbeben entsteht, aber unter Wasser."

Ben: "Woher weißt du das denn?"

Stefan: "Dreimal darfst du raten."

Ben: "Ich weiß, du hast mit deiner umweltinteressierten Mutter eine Dokumentation im Fernsehen angeschaut, hab ich's erfasst?"

Stefan: "Genau. Aber das stimmt mich alles sehr nachdenklich. Wie können die Befürworter der CCS-Technologie behaupten, dass das Kohlendioxid sicher im Meeresboden gespeichert werden kann?"

Ben: "Ich hab mal in dem Heft weiter geblättert, hier steht noch etwas Interessantes, hör mal: 'Laut IPCC-Bericht ist es eine der teuersten und gleichzeitig ineffizientesten Methoden zur Bekämpfung der Klimakrise' - gemeint ist die CCS Technologie, das steht hier auf Seite 42."

Stefan: "IPCC, was bedeutet das nochmal?"

Ben: "Das ist ein Gremium der Vereinten Nationen (UN), wird auch 'Weltklimarat' genannt. Dort werden die aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse über den Klimawandel zusammengefasst und bewertet. Aber sieh mal, hier geht's noch weiter. Das ist anscheinend gar nicht so einfach mit dem Abfangen des Kohlendioxids, um es dann zu speichern. Das Kohlendioxid ist nicht rein, sondern verunreinigt und kann Begleitstoffe wie Stickoxid, Schwefeldioxid, Quecksilber oder Ammoniak enthalten."

Stefan: "O je, und wie wird dieses verunreinigte Kohlendioxid dann in den Meeresboden zur Endlagerung geleitet? Kann das nicht gefährlich werden? Ich meine, weiß man, wie diese verschiedenen Stoffe unter hohem Druck unter dem Meeresboden miteinander reagieren? Müssen sie vielleicht vorher noch rausgefiltert werden, wenn das überhaupt geht?"

Stefan: "Das weiß ich nicht, aber hier steht geschrieben, dass es unklar ist, wie diese Stoffe sich in der jeweiligen Mischung miteinander verhalten werden."

Ben: "Ich habe den Eindruck, dass die Speicherung von CO2 im Meeresboden noch reichlich viele Unsicherheiten in sich birgt."

Stefan: "Was hältst du davon, wenn wir uns mal genau ansehen, welche Gefahren das CCS-Verfahren für die Meerestiere und -pflanzen mit sich bringt und welche Auswirkungen es auf den Boden haben könnte?"

Ben: "Gute Idee, das gehen wir aber nicht mehr heute an. Ich fühle mich schlicht überfordert mit all den Informationen und was sie letztendlich für die Umwelt bedeuten."

Stefan: "Das geht mir nicht anders. Gut, also erst mal eine Pause machen und später sehen wir dann weiter."


Anmerkung:
[1] Rundbrief - Forum Umwelt und Entwicklung, Ausgabe 3/24
"Lieber im Boden als in der Luft? - CCS als Marketing-Coup der fossilen Industrie"
https://rundbrief.forumue.de/wp-content/uploads/2024/11/FORUM_Rundbrief_243_web.pdf


Diesem Artikel liegen folgende Quellen zugrunde:

Gefahren und Nutzen des Meeresbodens
https://www.geomar.de/forschen/kernthemen/gefahren-und-nutzen-des-meeresbodens

Carbon Capture and Storage
https://www.umweltbundesamt.de/themen/wasser/gewaesser/grundwasser/nutzung-belastungen/carbon-capture-storage



7. November 2025

veröffentlicht in der Schattenblick-Druckausgabe Nr. 184 vom 29. November 2025


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