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FILM/031: Ein starker Jahrgang - Rückblick auf den Kinoherbst 2017 (Soziale Psychiatrie)


Soziale Psychiatrie Nr. 159 - Heft 1/18, 2018
Rundbrief der Deutschen Gesellschaft für Soziale Psychiatrie e.V.

Im Kino
Ein starker Jahrgang

Von Ilse Eichenbrenner


Das war ein starker Kinoherbst, wie es ihn selten gibt. Als sollte man für den desaströsen Sommer ein wenig entschädigt werden. Meisterstücke wie »Körper und Seele« oder »Die beste aller Welten« hielten Einzug in die Kinos - Nachlese dazu in der SP 2/2017 oder bei www.psychiatrie.de.

Wo kommen plötzlich all diese so unterschiedlich lädierten Menschen her? Man kann sie unmöglich »behindert« nennen: der unansehnliche Tom Lass in seiner eigenen wunderbaren Regiearbeit und der manischsüchtige Schlossherr Woody Harrelson in einer Bruchbude, oder »Simpel« mit seinem Hasehase. Vorneweg natürlich Charly Hübner als Herr Lehmann, aber der spielt in seiner eigenen Liga.

Eine eigene Liga
Magical Mystery oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt

Na, ihr Flitzpiepen? So begrüßt Betreuerin Gudrun ihre Klienten in der therapeutischen Wohngemeinschaft. Es ist eine Drogen-WG, Abstinenz ist die Hauptsache, sogar der Zucker im Espresso ist verboten. Medikamente scheinen keine Rolle zu spielen. Männer und Frauen sitzen im sogenannten Plenum um den Runden Tisch und rauchen, rauchen, rauchen. Sozialpädagoge Werner Meyer (Arne Mädel) muss zur Supervision, aber ungern. Karl, früher mal bekannt als Charlie, ist einer der ehemaligen Psychiatriepatienten in dieser Runde. Haben ihn die Drogen verrückt gemacht? Das weiß man nicht so genau, meint er selbst. Aus Sicht seiner Mutter seien die Drogen schuld, denn wenn die es nicht gewesen wären, dann habe die Mutter ein Problem. Klapse oder Klapper? »Klapper« gefalle ihm besser, meint Charlie sehr viel später, als er einer schönen jungen Frau von seinem Aufenthalt in Ochsenzoll erzählt. »Klapse«, das höre sich so endgültig an, wie Klappe zu, Affe tot. Ihr versucht er auch zu beschreiben, wie sich der Irrsinn anfühlt, aber das gelingt ihm nicht wirklich.

Karl arbeitet als Hausmeister in einem Kinderkurheim, vermutlich so eine Art Zuverdienst, aber er soll endlich mal Urlaub machen. Eigentlich hat er schon gepackt für die Lüneburger Heide, da trifft er seinen alten Bandkollegen Raimund (Marc Hosemann), und später folgt ein Anruf von Ferdi aus Berlin. Und das ist jetzt der Moment, wo man Detlev Buck einführen muss, der damals in der Verfilmung von Sven Regeners Roman »Herr Lehmann« am Tag vor der Wende nach mehreren Tagen ohne Schlaf in der Notaufnahme des Berliner Urbankrankenhauses landete. Damals also der hinreißende Detlev Buck als psychotischer Skulpturen-Schweißer Charlie, jetzt mindestens ebenbürtig Charly Hübner in der Fortsetzung als eben dieser Karl, dafür nun Detlev Buck als Chef einer Truppe von Techno-Musikern oder DJs oder Ravern, oder wie immer man dieses monotone Gewummere der Neunziger nennen will. Detlev Buck alias Label-Chef Ferdi ruft Charlie in der WG an und fordert ihn auf, wieder nach Berlin zu kommen. Man brauche ihn. Statt zur Kur in die Lüneburger Heide fährt Charlie nun also zu Bumm-Bumm-Records in die Hauptstadt und legt sich irgendwo in einem bröckelnden Loft auf ein Feldbett. Ferdi erklärt bei asiatischer Nudelsuppe: Nachdem man für die Bumm-Bumm-Mucke mit Geld zugeschissen worden sei, wolle man wie die Beatles auf eine Magical Mystery-Tour. Nicht nur Kohle, nein, auch die Seele sei wichtig. Liebe eben, der Spirit, come together. Den passenden Tourbus gibt es schon, nun braucht man nur noch einen wirklich nüchternen Fahrer. Charlie mit seiner nunmehr fünfjährigen Abstinenz und vielleicht auch wegen seiner überragenden Statur ist der Richtige. Also fährt man nach Bremen, nach Köln, nach München, nach Essen und nach Hamburg und nächtigt entweder überhaupt nicht oder in den Filialen einer finnischen Hotelkette, »die mit dem Elch«. Es gibt Auftritte in kleinen oder großen Clubs, in riesigen Hallen und einmal sogar bei der Behinderten-Disco in Schrankenhusen-Borstel. Charlie wächst mit seinen Aufgaben. Er bleibt stoisch, freundlich und meistert als erfahrener Hausmeister jedes auch noch so abstruse Problem. Ab und zu - aber das kriegen nur wir Zuschauer mit - spaziert er an der Peripherie einer Psychose. Wenn es ihm zu viel wird, wenn ihm alles um die Ohren fliegt oder das Stroboskop zu sehr flackert, dann zieht er sich zurück oder halluziniert. Er hat eine Menge Tricks auf Lager, um seine kleinen Krisen zu managen. Die einzelnen Typen der magisch-mysteriösen Busbesatzung erhalten im Lauf der kleinen Tournee ein eigenes Profil. Man kann sie schließlich unterscheiden, die beiden jungen Dödel mit den Meerschweinchen, die DJanes (»Ich bin Siggi«) und die chronisch zugeknallten Senioren. Es ist schön zu verfolgen, wie Charlie mit seinen langen Zotteln und seiner Bärentapsigkeit ganz langsam vom Trottel zum geliebten Herbergsvater aufsteigt. Er findet immer eine Lösung, er achtet auf ausreichend Schlaf und regelmäßige Mahlzeiten, und nach einer Knutscherei mit der schönen Rosa schöpft er ganz vorsichtig Hoffnung auf ein Leben nach der WG, in Berlin. Man solle eigentlich nicht irgendwohin, von wo man schon mal weg sei, meint er bei der Fahrt über diesen ätzenden Kudamm. Aber er kenne doch die andere Hälfte der Stadt noch gar nicht, also sei doch alles neu, meint jemand. Auch wieder richtig. Besonders schön der Abspann mit der langen Latte von Credits und den Gestalten auf der Leinwand mit fuchtelnden Armen und Beinen, dem Gehoppel und Gestampfe.

Das ist kein Psychiatriefilm. Magical Mystery ist über lange Strecken grottendoof und dann wieder zum Schlapplachen komisch. Die Szenen in der Wohngemeinschaft sind viel zu kurz. Trotzdem: Ich habe mehrmals (!) laut gelacht, und damit war ich nicht allein. Der Film ist antistatisch, antidepressiv und anti-stigmatisch. Und antik.

Magical Mystery oder:
Die Rückkehr des Karl Schmidt

Deutschland 2017; 111 Min.;
Drehbuch: Sven Regener
R: Arne Feldhusen
D: Charly Hübner, Detlev Buck,
Marc Hosemann, Bjarne Mädel

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Blind & hässlich

Jakob Lass gilt als deutscher Vertreter des »Mumblecore Movie«. Was'n dette? Billige, kleine Filme, in denen oft Laiendarsteller über ihre alltäglichen Probleme stolpern und sich darüber ausdauernd unterhalten. Nun tritt Jakobs Bruder Tom in seine Fußstapfen. Und wie!

In »Blind & hässlich« führt er Regie und spielt auch gleich noch die Hauptrolle. Er ist Ferdi, der den menschlichen Kontakt sucht und fürchtet. Der sich zu Tieren schleicht, um sie zu streicheln. Der sich selbst hasst und ständig in völlig absurde Dispute mit seinem Umfeld gerät. Der in eine therapeutische WG zieht, wo er mit seinen elaborierten Monologen seine Mitbewohner nervt und im Psychodrama den Rollentausch mit seiner Therapeutin verhaut. Ferdi lernt bei einem Selbstmordversuch aus Versehen die träge Jona (Naomi Achternbusch) kennen, die gerade vor ihrem Abitur und ihrer Mutter abgehauen ist und erst mal bei ihrer blinden Cousine in einem Berliner Wohnprojekt Unterschlupf gefunden hat. Erschöpft von abstrusen Bewerbungsgesprächen in Wohngemeinschaften lässt sich Jona von ihrer Cousine coachen und macht auf blind. Sie zieht in ein freies Apartment. Weil sie angeblich nicht sehen kann, finden sie und der sich ungemein hässlich findende Ferdi zusammen, richtig echt, und richtig komisch. Das ist eigentlich schon die ganze Geschichte. Tom Lass baut aus dieser Konstellation kein großes Drama, sondern zündet kleine, improvisierte Gluckser. Wussten Sie, dass es ein Tool gibt, das man z. B. auf die Haare des Gegenübers hält, und das Gerät spricht: »aschblond«? Ich habe in diesem Film eine Menge gelernt und eine noch größere Menge gelacht. Hier wirbelt einfach alles durcheinander: echte und quasi Behinderung, das Staunen über das Leben und völlige Tumbheit, und es gibt sogar einen schönen Bösewicht. Der kriegt natürlich eins auf die Nuss, aber alle anderen auch.

Dieses ganz beiläufige Gekabbel wirkt auf den ersten Blick angenehm jung und dilettantisch, ist aber so professionell geschnitten, dass keine Langeweile aufkommt. Achten Sie auf Tom Lass und Naomi Achternbusch!

Blind & hässlich
Deutschland 2017; 105 Min.;
R: Tom Lass
D: Naomi Achternbusch,
Tom Lass, Clara Schramm

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Familienbande
Simpel

Der Roman »Simple« von Marie-Aude Murail muss in Frankreich ein großer Erfolg gewesen sein. Er wurde verfilmt. Nun gibt es also auch eine deutsche Version, mit äußerst populären Darstellern.

Wir befinden uns irgendwo an der Küste, hinter dem Deich, wo Ben mit seinem geistig behinderten Bruder Barnabas, genannt Simpel, und seiner krebskranken Mutter lebt. Simpel haut häufig ab, und Ben muss ihn suchen. Er findet ihn und sein Stofftier mit dem Namen Hasehase zu Beginn des Films irgendwo im Watt, gerade noch rechtzeitig vor der Flut. Am Abend ist die Mutter tot. Wenige Tage später erfahren die beiden, dass Simpel in ein Heim muss. Eigentlich wollte Ben die Betreuung seines Bruders übernehmen, aber das hat der Vater abgelehnt. Ein freundlicher Mann von der Diakonie kommt und möchte Simpel in sein schönes Heim mitnehmen. Sie sitzen schon gemeinsam im Polizeibus, als Ben ausrastet, alle rauswirft und allein mit Simpel weiterfährt. Er will den Vater in Hamburg finden, er will ihn umstimmen, er will verhindern, dass Simpel in ein Heim kommt. Das Roadmovie beginnt. Sie schlagen sich irgendwie durch. Sie treffen auf zwei Sanitäter, die Medizinstudentin Aria und ihren Kumpel Enzo, und lassen sich von ihnen in die Großstadt mitnehmen. Ben spürt den Vater in einem Autohaus auf, wo er als Verkäufer arbeitet. Simpel hat er bei einer freundlichen Dame geparkt, die ihn in ihren Puff mitnimmt. Später kommt es zu einem wüsten Handgemenge, Ben und Simpel müssen in die Notaufnahme, wo sie auf ihre tapferen Sanitäter treffen. Aria lässt die beiden in ihrer studentischen und originell eingerichteten WG übernachten, wo Simpel am nächsten Morgen - animiert von einer Kochsendung - die Küche abfackelt. Ben ist zunehmend genervt von seinem geliebten Bruder, er schimpft und hadert und weiß nicht mehr weiter. Der Vater, der gerade eine Geburtstagsparty feiert, wird heimgesucht und schämt sich ganz offensichtlich für seinen missratenen Sohn. Schließlich lernt Simpel eine Gruppe von Behinderten kennen, die in einem Heim leben. Er freundet sich mit einem Mädchen mit Down-Syndrom an, und ein Platz in genau diesem Heim scheint wunderbarerweise gerade frei zu sein. Alles wird gut.

»Simpel« ist ein kurzweiliger, toll ausgestatteter Film ohne künstlerische Ambitionen mit aktuellen Bezügen, rasanter Musik und bewährten Schauspielern. Hin- und hergerissen bin ich von der Verkörperung des behinderten Simpel durch David Kross; manchmal erinnert seine Performance an den jungen Leonardo DiCaprio (in: Gilbert Grape), dann wieder agiert er nur blöde. Ein Blick auf die französische Version auf YouTube zeigt allerdings, wie gut er vergleichsweise seine Sache gemacht hat. Das Drehbuch verrät nicht, ob Simpel bisher bereits gefördert wurde, ob er eine Schule besucht hat oder nur als Maskottchen der Familie fungierte. Die geschwisterliche Ambivalenz zwischen Liebe und Überforderung präsentiert Fredrick Lau in beeindruckender Weise; der behinderte Bruder ist nicht nur niedlich, sondern ungeheuer anstrengend und manchmal sogar gefährlich. So wird die Geschwister-Thematik gut bedient, während Simpel eine sonderpädagogische Leerstelle bleibt.

Simpel
Deutschland 2017; 113 Min.;
R: Markus Goller
D: David Kross, Frederick Lau,
Emilia Schüle, Devid Striesow

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Schloss aus Glas

Der Schauspieler Woody Harrelson dominiert diesen amerikanischen Spielfilm. Er ist der unberechenbare Daddy namens Rex Walls, der seiner Familie verspricht, ein wunderbares Schloss aus Glas zu bauen. Er zeichnet Pläne, er konstruiert und schwärmt. In Wirklichkeit hausen Vater und Mutter und die drei Kinder in immer wieder neuen Bruchbuden, aus denen sie Hals über Kopf flüchten müssen, weil die Miete nicht bezahlt ist. Es ist die Tochter Jeannette, aus deren Perspektive wir auf diese Achterbahn blicken. Jeannette muss es irgendwie geschafft haben, denn ab und zu wechselt die Handlung zu der erwachsenen Journalistin, die sich für ihre Herkunft schämt. Sie war den Launen, den Alkoholexzessen und den manischen Durchbrüchen ihres Vaters genauso ausgeliefert wie ihre Geschwister. Zahllose Rückblenden schildern eine Tragödie. Die hübsche, aber dumpfe Mutter versucht sich als Malerin und steht ratlos in der Gegend herum. In einer besonders üblen Szene wirft Rex seine Tochter ins Schwimmbecken und lässt sie um ein Haar ertrinken, bis sie es in ihrer Verzweiflung doch an den Rand schafft. Sie hat Verletzungen, Verbrennungen und ist für ihr Leben gezeichnet. Doch auch Rex kommt zerschunden von seinen Sauftouren nach Hause, und Jeannette muss eine Fleischwunde mit Nadel und Faden nähen. Manchmal, wenn Rex nüchtern ist, hat er tolle Ideen, mit denen er die Familie mitreißt und begeistert. Sie lieben ihn, er ist das Zentrum ihrer Welt, sie kennen es nicht anders. Allmählich wird der Kontext klar: Wir befinden uns in den Siebzigern, und die rauschhafte Suche nach absoluter Freiheit endet für diese Familie in einem Albtraum. Kurzfristig suchen sie bei der Großmutter Unterschlupf, die beinahe noch grausamer ist. Später zittert, heult und brüllt Rex im Alkoholentzug - in einem Delirium. Immer häufiger hungern die Kinder; sie schließen einen Komplott, bis ihnen unter der Anleitung von Jeannette schließlich die Flucht gelingt. Die drei Kinder haben überlebt und sich als Erwachsene mal mehr, mal weniger von ihren Eltern distanziert, die im Müll wühlen und in einem Abrisshaus wohnen. Als Rex stirbt, scheint die Familie ihn zu verklären. Man ahnt es bereits: Die Geschichte ist wahr und beruht auf dem autobiografischen Roman der Journalistin Jeannette Walls. Die dokumentarischen Aufnahmen und Fotos der Familie Walls, mit denen der Film endet, hinterlassen beim Zuschauer eine eigentümliche Bitterkeit. Erst wurde man mit den Walls zusammen traumatisiert, nun soll man sich mit ihnen zusammen versöhnen. Das ist zu viel verlangt.

The Glass Castle (Schloss aus Glas)
USA 2017; 127 Min.;
R: Destin Daniel Cretton
D: Brie Larson, Woody Harrelson, Naomi Watts

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Funktionieren

Beim Weltkongress für Psychiatrie war dieser Dokumentarfilm erstmals zu sehen. Peter Lehmann begrüßte und moderierte die Veranstaltung; neben ihm saß die junge Filmemacherin Brigitte Zürcher. Sie hat viele Jahre in der Psychiatrie der Schweiz gearbeitet und haderte wohl zunehmend mit der etablierten Psychiatrie, vor allem mit der pharmakologischen Behandlung. Ihr Film beginnt im Zeitraffer: Menschen rennen, der Verkehr rast. Diese Szenen sind zunächst unterlegt mit den Stimmen von Betroffenen, die auch immer wieder ins Bild kommen. Das ist zunächst unangenehm und schwer auszuhalten, vermutlich aber Absicht. Zürcher will das Tempo unserer Zeit visualisieren. Reizüberflutung, Anpassungsdruck, das alles führe zu verständlichen Reaktionen. Es sind drei Experten, die dann immer wieder im raschen Wechsel zu Wort kommen.

Der Arzt, Psychotherapeut und Autor Ruediger Dahlke ist durch »Die Krankheit als Weg« zumindest den Älteren gut bekannt. »Wir trauern nicht mehr, Depression ist ungelebte Trauer. Die Gedanken an den Tod wurden an den Rand gedrängt.« Dahlke berichtet, dass er alle Psychopharmaka selbst ausprobiert habe; am schlimmsten sei Haloperidol gewesen.

Der niederländische Psychiater Piet Westdijk lebt in der Schweiz und versucht bei der Behandlung seiner Patienten auf Neuroleptika zu verzichten. Psychische Krankheiten sind aus seiner Sicht Konstrukte.

Der rasche Wechsel der Bilder, der verschiedenen Stimmen und Gesichter bleibt noch einige Minuten anstrengend, bis sich der Film allmählich beruhigt. Die Theorien von C. G. Jung kommen zur Sprache und die Suche nach den Ursachen psychischer Erkrankungen mit den unterschiedlichsten Verfahren. Alles sei doch erfolglos gewesen. Reto Stör, selbst in der Psychiatrie tätig und an einer Depression erkrankt, schildert seine Leidensgeschichte. Durch die Behandlung mit Antidepressiva sei es ihm immer schlechter gegangen, schließlich musste er stationär aufgenommen werden: dieser Schrecken, eine Station als Patient zu erleben. Illustriert wird sein Bericht mit Kamerafahrten durch leere Klinikflure.

Peter Lehmann als dritter Experte im Film macht keinen Hehl aus seiner Verachtung für »die Psychiater, die wollen, dass die Patienten alles mitmachen«, »es darf keine Alternative geben«. Dabei seien es ganz klar die Lebenslagen der Menschen, ihre Probleme und Konflikte, z. B. in Beziehungen, die zu Krisen führen. Eine Diagnose sei dann eine Entschuldigung, man lasse sich »krankschreiben«. Löse man die Probleme nicht, bleibe die Situation unverändert, dann komme nach dem Absetzen der Psychopharmaka unweigerlich der Rückfall.

Dies sind nur einige Zitate aus »Funktionieren«, die ich hoffentlich korrekt erinnere und wiedergebe. Manches wiederholt sich, z. B. die Feststellung, dass Psychopharmaka die Menschen in Zombies verwandeln. Sind psychische Krankheiten überhaupt »echte« Krankheiten? Ist die Seele krank oder das Gehirn? Die Pharmaindustrie verschweige Studien mit negativen Ergebnissen. Häufig sei zuerst das Medikament da (Ritalin), und erst danach finde man die passende Erkrankung (ADHS).

Dies alles ist nicht neu, sondern tausendmal gehört. Brigitte Zürcher verbindet die kritischen Punkte, belegt vieles, lässt manches in der Schwebe. Unklar bleibt natürlich, ob sie die Statements der drei Experten entschärft hat. Denn es fehlt die übliche Polemik. »Funktionieren« ist kein wütendes Pamphlet, sondern sinniert, fragt nach, lässt immer wieder neu zu Wort kommen. Deshalb kann ich mir vorstellen, dass im Anschluss an den Film durchaus konstruktiv diskutiert werden kann. Viele Informationen sind zu finden unter www.funktionieren.ch.

Funktionieren
Dokumentarfilm
Schweiz 2017; 96 Min.;
R: Brigitte Zürcher


Aktuelle Filminfos ständig unter:
www.psychiatrie.de/filme

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Quelle:
Soziale Psychiatrie Nr. 159 - Heft 1/18, Januar 2018, Seite 54 - 57
veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung der Autorin und der Redaktion
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veröffentlicht im Schattenblick zum 14. September 2018

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