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HINTERGRUND/245: Salsa, der Sound des lateinamerikanischen Widerstands (poonal)


poonal - Pressedienst lateinamerikanischer Nachrichtenagenturen

Salsa, der Sound des lateinamerikanischen Widerstands

von Tomás Bernier Parodys


Salsa ist mehr als nur Tanzmusik. Salsa erzählt die Erfahrungen von Gemeinschaften, die von den Mächtigen an den Rand gedrängt wurden.

(New York, 4. Juni 2025, lanzas y letras) - Musik kann ebenso viel politischen und kulturellen Inhalt vermitteln wie die Literatur. Um ein Lied auf sich wirken zu lassen, braucht man nur offene Ohren und einen neugierigen Geist. Ein historischer Streifzug durch die Anfänge der musikalischen Stilrichtung zeigt, dass Salsa mehr ist als ein beliebter Gesellschaftstanz. Viele Texte enthalten bissige und sozialkritische Elemente.


"Das ist etwas, das sie uns niemals nehmen können"

Ich war gerade in Kolumbien unterwegs und fuhr mit dem Taxi durch Barranquilla, als das Radio uns mit der Nachricht überraschte, dass Donald Trump und die Vereinigten Staaten den Panamakanal und den Golf von Mexiko um jeden Preis und ohne Rücksicht auf die Folgen "übernehmen" wollten. Die US-Regierung brüstete sich damit, dass sie Lateinamerika nicht brauche, vielmehr seien es die Latinos, die ohne die USA nicht zurechtkämen. Der Taxi-Fahrer wechselte empört den Sender. Begleitet von karibischen Klängen einer lokalen Radiostation fuhren wir weiter. Während "Agúzate" von Ricardo Ray und Bobby Cruz im Hintergrund lief, raunte der Fahrer mir verschwörerisch zu: "Sehen Sie, das ist etwas, was sie uns niemals nehmen können". Diese Situation ging mir noch lange im Kopf herum. Immer wieder musste ich daran denken, wie wir zwei Latinos, der Taxifahrer und ich, gemeinsam durch die nächtlichen Straßen fuhren und dabei schweigend den großen Hits der legendären Salsa-Brava-Bewegung lauschten.


Musik aus den Slums

Musik ist ein wichtiger Teil der lateinamerikanischen Identität, und Salsa ist ein Musikgenre, das sich im Laufe der Zeit gewandelt und über die Grenzen Lateinamerikas hinaus Eingang in die Radiosender und Parties auf der ganzen Welt gefunden hat. Was viele jedoch nicht wissen: Salsa hat seit seinen Anfängen in den Slums von New York und seiner späteren weltweiten Verbreitung eine unbestreitbare politische Bedeutung. Der puerto-ricanische Sänger und Komponist Cheo Feliciano hat einmal gesagt: "Was wir Salsa nennen, ist genau genommen die Stimme des Volkes. Diese Musik stammt aus den wirtschaftlich benachteiligten Schichten, sie wurde erfunden von Menschen, die wissen, wie viel das Leben wert ist, weil sie mit allen Mitteln ums Überleben kämpfen. Deshalb weinen und lachen sie, sie schwitzen und leiden und genießen das Leben." Jetzt geht es unseren Ländern schlecht, unsere Leute, die ihre Länder verlassen mussten, erleben die Entmenschlichung im Kapitalismus und seinen neofaschistischen Ausprägungen in ihrer schlimmsten Form. Aber diesem "Hai", der niemals satt wird und im flachen Wasser das Ufer absucht, werden wir zeigen, dass er unsere Flaggen respektieren muss, "damit er sieht, dass in der Karibik die Garnele nicht schläft und dass dieser Hai Prügel bezieht, wo immer wir ihn sehen, denn in der Einheit liegt die Kraft und unsere Rettung" (Willie Colón und Rubén Blades in Tiburón, 1981). Die Leiden des afrikanischen Volkes die Rückbesinnung auf die karibischen Wurzeln, die Veränderungen, die die Welt und unser Leben durchlaufen haben, finden Ausdruck in dieser Musik, die das politische Empfinden und den Widerstand der Menschen repräsentiert. Wie Ray Barretto und Andrés Caicedo es ausdrückten: "Es lebe die kreolische Musik / es lebe die Stimme der Schwarzen / es lebe die Rumba / es lebe die kubanische Musik / es lebe die afrikanische Musik / lateinamerikanische Musik / Musik, die in den Körper geht".


Afro-karibische Kultur und Diaspora

Um die umfangreiche Geschichte des Genres etwas zusammenzufassen: Die rhythmischen und musikalischen Wurzeln der Salsa liegen in afrokubanischen Musikstilen wie Son, Danzón und Mambo und wurden später von Genres wie dem Jazz - ebenfalls afrikanischen Ursprungs - beeinflusst (Ramos, 2023). Avantgardistische Musiker*innen dieser Zeit experimentierten mit diesen Klängen und führten neue künstlerische Elemente ein, aus denen Jahre später das entstand, was wir heute als "Salsa" kennen. In den 1950er Jahren hatten die zuvor berühmten Big Bands - sowohl im Jazz als auch in der lateinamerikanischen Musik -, an Popularität verloren, und es entstand das Bedürfnis, etwas Neues zu schaffen. Der kubanische Schriftsteller Leonardo Padura beschreibt in seinem Buch Los rostros de la Salsa (2023) eine umfassende politische, wirtschaftliche und musikalische Veränderung. Die alten Idole mit gegeltem Haar und eleganten Anzügen, die in Nachtclubs über das Leben als Latin Lover sangen, wurden durch neue Stars ersetzt: Leute aus den Latin Quarters in New York, vor allem Spanish Harlem und der South Bronx, versuchten, das Geschehen auf den Straßen in ihrer Musik auszudrücken. Die Figur des El Malo kam in Mode und wurde von Willie Colón perfekt verkörpert.


Willie Colón: El Malo

Colón war der Vorreiter einer Generation, die ihr Leben in ihren Texten verarbeiten und von Diebstahl, Drogen und Prostitution erzählte. Nostalgie, Migration, der Verlust kultureller Werte und der Alltag in den Städten Lateinamerikas und der Karibik waren weitere Themen. Musikalisch eher unvollkommen und unorganisiert, ging es ihnen mehr um Authentizität als um die perfekte Show. In einem Interview mit dem kubanischen Schriftsteller Leonardo Padura bezeichnete der in New York lebende Colón sich als "Puerto-Ricaner der dritten Generation". Seine stärkste Verbindung zu Puerto Rico sei seine Großmutter gewesen, die 1923 in die USA einwanderte. Ihr kultureller Hintergrund habe sein Verständnis von Musik wesentlich geprägt: "Die Geschichte der Salsa ist die Sammlung der gesamten lateinamerikanischen Musikkultur, die in New York zusammenkommt." Einen Wendepunkt erreichte die Entwicklung der Salsa 1968 mit der Gründung der Fania All Stars durch den New Yorker Jerry Masucci und den Dominikaner Johnny Pacheco, bei denen die bereits legendären Stimmen von Celia Cruz, Ismael Rivera und Cheo Feliciano mit den neuen Stimmen aus den lateinamerikanischen Vierteln New Yorks zusammenkamen: Willie Colón und Héctor Lavoe, sowie Newcomer, die später zu Klassikern wurden, wie Rubén Blades. Die Fania produzierte einige der besten Alben in der Geschichte des Salsa und bescherte Musikliebhabern und Fans dieses Genres großartige Momente, wie beispielsweise das Konzert in Zaire, bei dem sie Tausende von Afrikaner*innen zum Tanzen brachten.


Gangstergeschichten und Santería

Das großartige Duo Willie Colón und Héctor Lavoe produzierte mehrere Alben, die für die Salsa unverzichtbar sind. Zwischen den sechziger und siebziger Jahren arbeiteten sie zusammen an The Hustler (1968), Cosa Nuestra (1968), Guisando: doing a job (1969), La gran fuga (1971), Crime pays (1972), El Juicio (1972), zwei Weihnachtsalben, Lo mato (1973), The Good, the bad and the ugly (1975) und Vigilante (1982). Jedes Album war besser als das vorherige. Das Duo Colón-Lavoe schaffte es, die Erfahrungen der Latinos und Latinas in New York zu veranschaulichen und die Dynamik einer Stadt einzufangen, in der sich Verbrechen lohnen und nur die Schlauesten überleben. So verewigten sie eine Figur wie Juanito Alimaña, einen Typen, der nach Belieben und völlig ungestraft in der "Zementwüste voller wilder Tiere" stiehlt und Verbrechen begeht. Ein Großteil des Werks von Colón-Lavoe beschreibt die Unterwelt der Ghettos von New York. Neben diesen schonungslosen Darstellungen der Realität in Harlem oder der Bronx kehrten Colón und Lavoe zu ihren puerto-ricanischen Wurzeln zurück und rezitierten Themen, die verschiedene Aspekte des Glaubens und des Lebens in der Karibik behandelten. Ein Beispiel dafür ist der Song "Aguanilé" (1972), der mit afrikanischen Klängen und kubanischen Yoruba-Gesängen arbeitet. Ein weiteres Beispiel ist ein Song aus Héctor Lavoes Solokarriere, "Rompe saragüey" ["Reinigendes Kampfergras"] (1975), das die Glaubensvorstellungen der Insel über die Santería zum Ausdruck bringt: "Mit den Heiligen spielt man nicht / nimm ein Bad / du musst dich mit Rompe saragüey reinigen". Die Reinigung der Energien ist eine in vielen Teilen der Karibik verbreitete Praxis. Ähnliche Themen werden in "Zafra" (Ray Barretto) oder "Mosaico Santero" (gesungen von Joe Arroyo und Wilson Saoko) behandelt.


Willie Colón und Rubén Blades: die Salsa Consciencia

Das Duo Lavoe-Colón wurde abgelöst vom Duo aus Willie Colón und dem Panamaer Rubén Blades, das ebenfalls legendären Status erlangte und bis heute für Gesprächsstoff sorgt. Während Colón bereits ein angesehener und anerkannter Musiker war, bahnte sich Blades, der ein Jurastudium abgeschlossen hatte, mit tiefgründigen und revolutionären Texten seinen Weg in der Branche und schuf sich ein Image als Dichter und Intellektueller. Sie schafften es, zwei Stücke zu produzieren, die "die Existenz eines neuen Trends festigten: die Salsa Consciente" (Padura, 2023, S. 23).

Das gemeinsame Album Siembra markierte einen Wendepunkt in der Salsa. Zum ersten Mal wurden Songs von mehr als sechs Minuten Länge produziert, und in "Pedro Navaja" handelt zum ersten Mal ein Salsa-Song von einer Frau, die Opfer des Machismo wird, sich aber erfolgreich verteidigt und am Ende das letzte Wort behält: "Du bist ein Nichts". Und es wird zum ersten Mal ganz Lateinamerika angesprochen: Am Ende des Songs "Plástico" antwortet jedes angesprochene Land mit "presente": anwesend. Sozial, politisch und wirtschaftlich ist das Album Siembra tatsächlich "revolutionär" (Padura 2023, S. 37).

Mit seinen Inhalten übertrifft Rubén Blades seine Vorgänger im Salsa. Schon der erste Track "Plástico" (Plastik) ist eine Kritik an einem Kapitalismus, der künstlich wirkende, rassistische, karrierebewusste und angeberische Menschen hervorbringt. Blades ermutigt die Lateinamerikaner*innen, zu studieren, zu arbeiten und vor allem Menschen zu sein: "Hey Latino, hey Bruder, hey Freund / Verkaufe niemals dein Schicksal für Gold oder Komfort / Ruhe dich niemals aus, denn wir haben noch einen langen Weg vor uns / Lasst uns alle gemeinsam voranschreiten, um die Ignoranz zu beenden, die uns mit importierten Vorbildern manipuliert, die keine Lösung sind". Laut Padura (2023) ist dieses Album im Wesentlichen die Geburtsstunde der Salsa Consciente. Es spricht von der jahrelangen Ohnmacht der lateinamerikanischen Länder und zitiert die Parolen, mit denen die Nationen versuchten, sich von den politischen und wirtschaftlichen Modellen zu befreien, die ihnen von den Großmächten auferlegt wurden. Rubén Blades machte sich diese Anliegen zu eigen, rief zur großen lateinamerikanischen Einheit auf und prangerte die Verfolgung durch den Hai aus Nordamerika an. Unsterblich wurde auch das Lied "Pablo Pueblo", mit dem er sich direkt an die ausgebeuteten Arbeiter und die der korrupten Politik und der Bourgeoisie überdrüssigen Bürger wandte: "Sie versprachen Zukunft / in politischen Kämpfen / Pablo Pueblo / Sohn des Aufschreis und der Straße / des Elends und des Hungers / der Gasse und des Leids". Das Album wurde von Kritikern und Publikum sehr gut aufgenommen und ist bis heute eines der beliebtesten Salsa-Alben der Geschichte.


"Plantación adentro" und "Rebelión"

"Plantación adentro" (Rubén Blades, 1977) und "Rebelión" (Joe Arroyo, 1986) sprechen vom Leiden der Ureinwohner*innen und der aus Afrika verschleppten Menschen in der Kolonialzeit Amerikas. Der Song von Blades ist eine Komposition des großen Tite Curet Alonso und thematisiert die Misshandlungen, denen Indigene in den spanischen Kolonien ausgesetzt waren: "Camilo Manrique starb / an den Schlägen des Vorarbeiters / und wurde ohne Tränen begraben, ha! / Ein Holzkreuz und sonst nichts". Dieses Lied "ist ein getreues Abbild der Völkermorde, die durch den spanischen Kolonialismus begangen wurden" (Coy, 2017, S. 48). Jahre später veröffentlichten der Sänger Joe Arroyo aus Cartagena und La verdad das legendäre Lied "Rebelión", das garantiert alle Kolumbianer*innen schon einmal gehört haben. Es beginnt wie folgt: "In den 1600er Jahren / als der Tyrann herrschte / in den Straßen von Cartagena / spielt diese Geschichte". Das Lied erzählt von der Ankunft versklavter Menschen in Kolumbien, der Unterdrückung durch die Spanier und dem Aufstand eines Sklaven, der seine Frau vor der Folter der Sklavenhalter schützen will: "Der schöne Schwarze rebellierte / rächte seine Liebe / und noch immer hört man am Tor: Schlag die Schwarze nicht!" Auch dieses Stück handelt von dem legendären Camilo Manrique, dem Leben der Versklavten und den Leiden, die sie erdulden mussten.


Frankie Dante und das Orquesta Flamboyán

Von Frankie Dante und das Orquesta Flamboyán sind vor allem zwei Titel erwähnenswert: "Presidente Dante" (1972) und "Ciencia Política" (1976). In dem ersten Stück, das in Zusammenarbeit mit Larry Harlow entstand, heißt es: "Wenn ich Präsident wäre, gäbe es keine Streitkräfte, die Kriege würden enden, die Jungen würden nach Hause zurückkehren, wo sie hingehören... Frankie Dante for President". Das Stück entstand in der Zeit des Vietnam-Kriegs. Jahre später wurde "Ciencia Política", veröffentlicht, ein kraftvoller Song, der ganz dem wilden Stil von Dante und seinem Orchester entspricht: "Wir wollen das System ändern / indem wir alle Clowns entfernen / wenn sich die Politiker nicht ändern / wird sehr bald alles zerstört sein". Immer wieder rief die Band zur Einheit der Völker im Trikont auf. Dieses Stück beinhaltet einen Appell an das Gewissen: "Das lateinamerikanische Volk muss aufwachen und einfordern, was ihm zusteht." Die propagandistische Botschaft des Songs löste seinerzeit Kontroversen aus. Dante war ein Mann, der sich seiner Zeit verpflichtet fühlte und zugleich von ihr ausgegrenzt wurde. Er war ein Rebell, ein unbequemer Hitzkopf mit Straßenhintergrund, der sich gegen das Salsa-Monopol von Masucci und Fania stellte und vielen Leuten aus der Branche unangenehm war.

Der Poet: Rubén Blades

Seit den 1980er Jahren veröffentlichte Rubén Blades weitere Alben mit politischen Themen - auch wenn in den Salsa-Lyrics politische Themen zunehmend seltener wurden. Eins der Alben war Buscando América (1984). In Hits wie "Desapariciones" beschreibt er das Verschwindenlassen als Mittel der Folter und Mittel zur Einschüchterung der Bevölkerung in repressiven Kontexten. Erzählt wird in dem Stück die Geschichte des Verschwindens von Ernesto X, Altagracia, Agustín und Clara, die exemplarisch für alle Verschwundenen in Amerika stehen, wo man noch immer unter der Gewalt von Diktaturen und autoritären Regimes litt. "El padre Antonio y su monaguillo Andrés" (Pater Antonio und sein Messdiener Andrés) erzählt von der Ermordung des salvadorianischen Erzbischofs Oscar Arnulfo Romero im Jahr 1980 in El Salvador. Der Geistliche war sich der schwierigen politischen Lage seines Landes bewusst und zögerte nicht, die Gewalt des Militärs anzuprangern. In der "Feuerpredigt" fordert der Erzbischof die Armee auf, die Gewalt gegen die Bauern zu beenden (Santamarina, 2022). Einen Tag später wurde Antonio am Altar der Kathedrale ermordet. Niemand wurde deswegen verhaftet oder verurteilt, doch Blades verewigte das humanistische Vermächtnis des Predigers in diesem Lied: "Der Priester verurteilt die Gewalt / er weiß aus Erfahrung, dass sie keine Lösung ist / er spricht zu ihnen von Liebe und Gerechtigkeit / seine Predigt spricht eindringlich von Gott / den Priester fand der Krieg an einem Sonntag in der Messe, als er in Hemdsärmeln die Kommunion austeilte / mitten im Vaterunser erschoss ihn der Mörder / ohne seine Schuld zu bekennen". Das Album endet mit einem Lied, das denselben Namen trägt. Darin beklagt Blades die ständige Unterdrückung, unter der Amerika im Laufe der Zeit gelitten hat, und prangert an, dass Menschen "von denen, die die Wahrheit fürchten, absichtlich verschwunden gelassen wurden. Wir werden niemals Frieden haben, solange es keine Gerechtigkeit gibt, / wir leben in Diktaturen, ich suche dich und finde dich nicht / deinen gefolterten Körper, sie wissen nicht, wo er ist". Dieses Album ist ein historisches Dokument, entstanden zu einer Zeit, als in Chile, Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay noch Militärdiktaturen herrschten und El Salvador im Bürgerkrieg versank, während die sandinistische Revolution als Antwort auf den neoliberalen Vorstoß der Vereinigten Staaten immer stärker wurde.

"Verteidige dein Herkunftsland, denn dort sind deine Wurzeln"

Mehr als zwanzig Jahre später veröffentlichte Blades ein weiteres Album mit dem Titel Cantares del subdesarrollo (2009), das ebenso treffend wie Buscando América das Leben in Lateinamerika kommentiert und darin stark an Siembra erinnert: "Ich komme aus dieser kleinen / schönen, gesegneten Ecke, aus der diejenigen stammen, die nie weggegangen sind / ich komme von dort, von denen, die überlebt haben / von denen, die sich der Not gestellt haben / die viele Verletzungen und Schläge einstecken mussten und nicht aufgegeben haben". Die Essenz und Verherrlichung Lateinamerikas war weiterhin präsent, auch in Zeiten des Neoliberalismus und der wachsenden Globalisierung. In "País portátil" - das zwischendurch wie eine Trova der kubanischen Revolution klingt - sieht es so aus, als hätte das Plastik die lateinamerikanischen Staaten erobert, als würden diese sich am Ende selbst dem Markt und dem Kapital ausliefern, doch Blades bleibt bei dem, was er im Laufe seiner langen Karriere immer gesagt hat: "Verteidige das Land / das sind deine Wurzeln / unser kollektives Gedächtnis / ich sage es allen Menschen". Das gesamte Album ist großartig, aber der zehnte Song ist vielleicht der einprägsamste. In "Himno de los Olvidados" gibt es einen Dialog zwischen Camilo und einem Mann, der offenbar sein Vater ist und ihn dafür zurechtweist, dass er ihn um drei Uhr morgens mit kommunistischen Liedern geweckt hat. In den Liedern, die Camilo mit seinen Freunden singt, heißt es: "Es ist der Protest der Verzweifelten / unsere Hoffnungen sind verloren / durch die Bosheit d erer, die regiert haben / durch ihre Gewalt haben sie uns unterworfen / durch Gewalt werden wir uns befreien".


Es lebe die Musik des Volkes

Salsa verdichtet und erzählt die sozialen, politischen und wirtschaftlichen Erfahrungen verschiedener Gemeinschaften, die im Laufe der Zeit von den Mächtigen an den Rand gedrängt wurden, und bedient sich dabei bei anderen gegenkulturellen Strömungen der Welt - wie Rock, Jazz, der Bürgerrechtsbewegung in den Vereinigten Staaten. Salsa spiegelt wie jede andere künstlerische Ausdrucksform die politischen Verhältnisse und die Lebensrealität der Menschen wider. Der Inhalt der Texte hat sich - wie auch in anderen Genres - stark verändert. Heute denkt man eher nicht mehr darüber nach, dass es wichtig ist, über die Landbevölkerung, über Schwarze, Arme, Frauen, Indigene und das Leben am Rande der Gesellschaft zu sprechen. Dennoch: Die Salsa Brava lebt in den neuen Generationen weiter, dort, wo man Lust hat, diese Musik zu entdecken, zu hören und jederzeit und überall zu spielen.

Es lebe die kreolische Populärmusik!


Literaturhinweis:

Coy, L. (2017). Narrativas cantadas en salsa como un discurso de liberación de la sociedad latinoamericana. [tesis de pregrado, corporación universitaria Minuto de Dios].

Padura, L. (2023). Los rostros de la salsa. Planeta.

Palacio, M. (2004). Frankie Dante: un rebelde con mucha causa. El sonero del barrio
https://elsonerodebarrio.com/frankie-dante-un-rebelde-con-mucha-causa


Hier findest du eine Zusammenstellung der Musikstücke, die in diesem Text erwähnt werden:
https://www.youtube.com/playlist?list=PLPfthGr9_KaaNnbSLJ9mxdxQX_Wc9se3y

URL des Artikels:
https://www.npla.de/thema/kultur-medien/salsa-der-sound-des-lateinamerikanischen-widerstands/

Link zum Originalartikel:
https://lanzasyletras.com/2025/06/salsa-sentimiento-de-resistencia-latina/


Der Text ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.
https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/

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Quelle:
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veröffentlicht in der Online-Ausgabe des Schattenblick zum 29. November 2025

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