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STANDPUNKT/115: Über "Rattenlinien" verhalf der Vatikan Zehntausenden Faschisten zur Flucht (Gerhard Feldbauer)


Über "Rattenlinien" verhalf der Vatikan nach Kriegsende 1945 in Kollaboration mit dem US-Geheimdienst Zehntausenden führenden Faschisten zur Flucht vor ihrer Bestrafung

Viele fanden vor allem in Buenos Aires Unterschlupf
Schirmherr war Papst Pius XII.

von Gerhard Feldbauer, 9. April 2021



Halbporträt - Foto: Brazilian National Archives, Public domain, via Wikimedia Commons

Papst Pius XII., Schirmherr vatikanischer "Rattenlinien" zugunsten Tausender Naziverbrecher
Foto: Brazilian National Archives, Public domain, via Wikimedia Commons

Am 6. April 1946 - die Niederlage Hitlerdeutschlands lag noch nicht einmal ein Jahr zurück - kamen in Buenos Aires ungefähr 50 Ustascha-Faschisten des früheren kroatischen Satelittenregimes an, wo sie im Büro des Erzbischofs bereits erwartet wurden. Ihre Flucht hatte Krunoslav Draganovic, ein Vertrauter des Ustascha-Führers und Chefs des unter der Okkupation Hitlerdeutschlands proklamierten "Unabhängigen Staates Kroatien", Ante Pavelic, im Kloster San Girolamo in der Via Tomacelli 132 in Rom organisiert. Das Kloster war ein Sammelzentrum, in dem Faschisten aus Kroatien, Österreich und Jugoslawien über Stationen in Triest und Venedig eintrafen, bevor sie ausgeschleust wurden. [1]


Ein Nazi-Eldorado

Die Strecke nach Südamerika, vor allem nach Argentinien, war unter den von der katholischen Kirche in Kooperation mit dem US-amerikanischen Geheimdienst nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges für führende Vertreter der faschistischen Regimes, an ihrer Spitze die Hitlerdeutschlands, organisierten Fluchtrouten, im Geheimdienstjargon "Rattenlinien" (Englisch rat lines) genannt, die am meisten frequentierte. Dass ergab sich daraus, dass Argentinien zur Zeit des Faschismus in Deutschland ein Nazi-Eldorado bildete. Von den fast 40.000 dort lebenden Deutschen waren die meisten aktive Anhänger des Hitlerregimes gewesen. Die NSDAP-Organisation in Argentinien war eine der stärksten Auslandsorganisationen Hitlerdeutschlands und Buenos Aires Zentrale der faschistischen Propaganda und der Spionage für ganz Südamerika. Nach Argentinien hatte das Hitlerregime vor seinem Zusammenbruch riesige Vermögenswerte transferiert. Unter Juan Perón, einem Bewunderer Hitlers und Mussolinis, der 1946 die Präsidentschaftswahlen gewann und bis 1955 regierte, wurde das Land zu einem neuen Paradies für geflohene Nazi-Verbrecher. Perón empfing persönlich in seiner Residenz Verbrecher wie den KZ-Arzt Josef Mengele.


An einem Rednerpult stehend - Foto: AGN, CC BY-SA 4.0 [https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0], via Wikimedia Commons

Juan Perón mit Eva Duarte (Evita) am 1. Mai 1952 in Buenos Aires
Foto: AGN, CC BY-SA 4.0 [https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0], via Wikimedia Commons

Zu den vor ihrer gerechten Bestrafung Bewahrten gehörten neben international gesuchten Kriegsverbrechern wie dem NSDAP-Reichsleiter Martin Bormann Adolf Eichmann, der KZ-Arzt von Auschwitz Josef Mengele, der Kommandant der Vernichtungslager von Sobibor und Treblinka, Franz Sprangl, und der des Ghettos in Przemysl, Josef Schwammberger, und der bereits erwähnte Ante Pavelic mit fast seinem gesamten Kabinett. Ausgeschleust wurden deutsche und italienische Faschisten, belgische und französische Kollaborateure, kroatische Ustascha, slowakische Klerikalfaschisten, ungarische Pfeilkreuzler und Angehörige der rumänischen "Eisernen Garde". Wie der argentinische Historiker Uki Goni in seinem Buch "Odessa" [2] recherchierte, waren wenigstens 300 der ausgeschleusten Faschisten bereits in Europa abgeurteilte oder angeklagte Kriegsverbrecher. Allein etwa 50.000 Deutsche und Kroaten konnten nach Argentinien entkommen.

Zu den wenigen, die ihrer Strafe nicht entgingen, gehörte der Obersturmbannführer Adolf Eichmann, Organisator der Verfolgung, Vertreibung und Deportation von Juden und Mitverantwortlicher für die Ermordung von sechs Millionen Menschen. Er wurde im Mai 1960 von einem israelischen Kommando aus Argentinien entführt und nach Israel gebracht, wo er in einem Prozess im Dezember 1961 zum Tode verurteilt und wo das Urteil nach seiner Bestätigung in der Revision am 1. Juni 1962 durch Erhängen vollstreckt wurde.

Die Botschaft der 1949 gegründeten Bundesrepublik Deutschland betreute in Argentinien die geflohenen Faschisten nicht nur, sondern hatte unter ihren Diplomaten und Mitarbeitern selbst frühere NSDAP-Mitglieder. Sie stellten u. a. Mengele, der unter falschem Namen eingereist war, unter seinem echten Namen einen Reisepass aus, mit dem er in die Schweiz und wieder zurück nach Argentinien reisen konnte. [3] Der im Oktober 1946 in Nürnberg zum Tode verurteilte Martin Bormann besaß, als Jesuitenpriester getarnt, auf den jüdisch klingenden Namen eines in Polen geborenen Eliezer Goldstein ausgestellte Papiere des Vatikans mit der Unterschrift des Papstes, mit denen er nach Brasilien gelangte. Das waren, wie ein 1996 von dem Fernsehsender ARTE ausgestrahlter Film "Ratline - Nazis, CIA und Vatikan" belegte, keine Einzelfälle.


Cheforganisator Kardinal Montini

Im Staatssekretariat des Vatikans leitete die Rettungsaktion im Auftrag von Papst Pius XII. Kardinal Giovanni Battista Montini, der spätere Papst Paul VI. (1963-1978). Als Ressortleiter gehörte er zur Spitze des 1943/44 gebildeten vatikanischen Geheimdienstes Pro Deo, der eng mit dem Office of Strategic Services (OSS) und mit dessen späterem Nachfolger, der CIA, zusammenarbeitete. Er war ein diplomatischer Dunkelmann wie aus einem vatikanischen Lehrbuch. Den Palastverschwörern, die im Juli 1943 nach der Landung alliierter Truppen auf Sizilien Mussolini stürzten, sagte Montini die Unterstützung des Vatikans unter der Bedingung zu, dass die "innere Ordnung" beibehalten werde. Das hieß im Klartext, "sich von Mussolini und den Deutschfreundlichen zu befreien, das System aber zu erhalten", wie die US-Zeitschrift Life am 14. Dezember 1943 schrieb. Montini stellte OSS/CIA die Akten über politisch aktive Priester zur Verfügung, von denen viele als Agenten angeworben wurden. Um die Verbindungen zum Vatikan zu festigen, traten führende CIA-Leute wie James Angleton, Chef des OSS in Rom, und die langjährigen CIA-Direktoren John McCon und William Casey in den Orden der Malteserritter ein.


Ganzaufnahme - Foto: archidiosesis de milan / Public domain, via Wikimedia Commons

Kardinal Giovanni Battista Montini, der spätere Papst Paul VI., in seiner Zeit als Erzbischof von Mailand (1956)
Foto: archidiosesis de milan / Public domain, via Wikimedia Commons

Zu Montinis Helfern bei der Fluchthilfe gehörte der SS-Sturmbannführer Karl Hass, der zusammen mit dem SS-Chef von Rom Herbert Kappler und dessen Stellvertreter Erich Priebke u. a. im März 1944 in den Ardeatinischen Höhlen bei Rom an der Ermordung von 335 Geiseln beteiligt war. Kappler und Priebke schickten Tausende italienische Juden zur "Endlösung" in die Konzentrationslager. [4] Der Oberst der Luftwaffe Görings, Hans-Ulrich Rudel, Hitlers höchstdekorierter Soldat, gründete in Buenos Aires zur Unterstützung der "Rattenlinie" der Kurie eine "Kameradenwerk" genannte Hilfseinrichtung für NS-Kriegsverbrecher. In einem in Buenos Aires erschienenen Buch "Zwischen Deutschland und Argentinien" erklärte er, was von "menschlich überragenden Persönlichkeiten der Kirche an wertvollem Menschentum unseres Volkes, gerettet worden ist, soll billigerweise nicht unvergessen bleiben" (S. 44). [5]

Zu den hohen katholischen Würdenträgern, die sich an der Fluchthilfe aktiv beteiligten, gehörten Kardinal Antonio Caggiano und Bischof Augustin Barrére (Argentinien), der österreichische Bischof Alois Hudal und der Prälat Luttor Ferenc aus Ungarn. Hier sei zu deren Charakterisierung erwähnt, dass Hudal 1937 ein Buch "Die Grundlagen des Nationalsozialismus" verfasste, in dem er einen christlichen Nationalsozialismus ("Für Kirche und Nation") vertrat und das er Hitler mit der Widmung "Dem Siegfried deutscher Größe" schickte. In seiner Autobiographie brüstete er sich mit den Dankschreiben Dutzender Nazis, die er "mit falschen Ausweispapieren ihren Peinigern durch die Flucht in glücklichere Länder entrissen" habe. Die so ihrer gerechten Strafe Entkommenen prahlten damit, wie es in einem der Dankschreiben hieß, "bis 1945 im Kampf gegen den Bolschewismus, für Europa" gestanden und "während dieser gewaltigen Auseinandersetzung mit dem Kommunismus" an der Front und in der Heimat "unbeugsam und kompromisslos" ihre Pflicht erfüllt zu haben. [6]

Laut von Beamten des US-Finanzministeriums 1975 in Washington freigegebenen Aufzeichnungen habe der Vatikan bei Kriegsende vom faschistischen Ustascha-Regime in Kroatien Gold im Werte von 250 Millionen Schweizer Franken "in Verwahrung" genommen. Das wurde durch Unterlagen des OSS belegt. Die 250 Millionen stammten aus dem Vermögen von insgesamt 350 Millionen Schweizer Franken von mehreren Hunderttausend Serben, Juden, Sinti und Roma sowie oppositionellen Kroaten, die das Ustascha-Regime von 1941 bis 1945 umgebracht hatte. [7] Die Ustascha hatten bereits 1944 begonnen, "große Mengen Gold und Bargeld auf sichere Konten in der Schweiz" zu schaffen. Ein Teil des Goldes wurde möglicherweise direkt in das Kloster San Girolamo in Rom weitergeleitet, wo Battista Montini mit dem Pavelic-Vertrauten Krunoslav Draganovic für Ustascha-Angehörige eigens eine "kroatische Sektion" gebildet hatte. 100 Millionen hatten britische Truppen an der Grenze zwischen Österreich und der Schweiz bei Kriegsende sichergestellt. [8]

Den Ustascha-Faschisten galt die besondere Aufmerksamkeit des Vatikans auch deshalb, weil vielen von ihnen die Gefangennahme durch die Kroatien befreiende jugoslawische Volksarmee Marschall Titos drohte. Tausende waren nach Italien geflohen, 600 von ihnen aber in Neapel in ein alliiertes Kriegsgefangenenlager eingeliefert worden. Jugoslawien forderte die Auslieferung der Ustascha-Verbrecher. Am 26. März 1946 wandte sich der Vatikan in einer von Pius XII. persönlich unterschriebenen Eingabe an den diplomatischen Vertreter Großbritanniens beim Heiligen Stuhl, Sir D'Arcy Osborne, diese "Landsleute" auf "keinen Fall an die Regierung Marschall Titos auszuliefern". [9]


Foto: Bundesarchiv, Bild 183-R24391 / Unknown / CC-BY-SA 3.0 [CC BY-SA 3.0 de (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en)]

Kardinalstaatssekretär Eugenio Pacelli (4.v.l.) - der spätere Papst Pius XII. und Schirmherr der "Rattenlinien" - bei der Unterzeichnung des Reichskonkordats am 20. Juli 1933
Foto: Bundesarchiv, Bild 183-R24391 / Unknown / CC-BY-SA 3.0 [CC BY-SA 3.0 de (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en)]


Schirmherr der "rat lines"

Der eben erwähnte Pius XII. war insgesamt Schirmherr der Organisation dieser Rattenlinien. Damit fügte er der von ihm seit jeher fanatisch verfolgten Politik des Bündnisses der Kurie mit dem Faschismus eine neue Seite hinzu. Wie Goni schrieb, belegen die Quellen, dass "sich der Papst im Geheimen in Washington und London für bekannte Kriegsverbrecher und Nazi-Kollaborateure einsetzte. Seine Bittgesuche wurden schriftlich vom Staatssekretär des Vatikans vorgetragen, einer Zentralbehörde der Kurie unter seiner direkten Aufsicht und der Monsignore Montinis."

Das verwundert nicht, denn dieser Faschist unter der Soutane war als Kardinalstaatssekretär Eugenio Pacelli Architekt des Reichskonkordats gewesen, das er am 20. Juli 1933, also knapp sechs Monate nach Hitlers Machtantritt, im Auftrag von Papst Pius XI. mit der Reichsregierung unterzeichnete. Es verkündete, "die zwischen dem Heiligen Stuhl und dem deutschen Reich bestehenden freundschaftlichen Beziehungen zu festigen" und verpflichtete alle Katholiken, für "das Wohlergehen Hitlerdeutschlands" zu beten. Gemäß der von Pacelli vorgegebenen Linie, mit dem Reichskonkordat sei etwas Segensreiches für die "unsterblichen Seelen" unter "Gottes gütigem Gnadenbeistand" geschaffen worden, begrüßten die deutschen Bischöfe mit "großer Freude", dass unter Hitler nicht mehr "der mörderische Bolschewismus mit seinem satanischen Gotteshass die deutsche Volksseele bedrohen und verwüsten" dürfe. Es war geradezu eine Zustimmung, ja Segnung der mit dem Machtantritt Hitlers begonnenen Hetzjagd gegen Kommunisten und Sozialisten und alle, die verdächtigt wurden, ihnen nahe zu stehen oder die sich gegen die faschistische Diktatur wandten. Darunter befanden sich auch bereits Tausende Katholiken. Allein in Bayern saßen 2.000 Mitglieder und Anhänger der katholischen Bayerischen Volkspartei, von ihren Hirten im Stich gelassen, in Hitlers Zuchthäusern. Nach dem Überfall auf die UdSSR riefen alle deutschen Bischöfe bereits vier Tage später, am 26 Juni 1941, die Soldaten der Hitlerwehrmacht "zu treuer Pflichterfüllung" auf, um "im Kampf gegen die Macht des Bolschewismus" dem "heiligen Willen Gottes" zu folgen. [10]

Der katholische Publizist Johannes Fleischer stellte zum Konkordat und seiner Verwirklichung durch den römischen Klerus klar: "Das Konkordat hat nach Zeitpunkt, Inhalt und offizieller bischöflicher Interpretation Verbrechen und Verbrechern Vorschub geleistet, jede entscheidende Opposition moralisch diffamiert, dem Naziregime die Legitimation verliehen, sich zu den 'auf der Seite der Ordnung stehenden staatlichen Gewalten' zu zählen (Kardinal Pacelli am 30. April 1937), und das katholische Volk von vornherein auf den Weg ins Massengrab zur Sicherung der Hitlerdiktatur verpflichtet." [11]

Als es den Franco-Faschisten mit Hilfe der Kurie und Hitlerdeutschlands sowie Mussolinis Italiens im Februar 1939 gelang, die Spanische Republik zu zerschlagen und nach der Einnahme Madrids die Mordkommandos wüteten, schickte Pius XII., der am 2. März 1939 sein Pontifikat angetreten hatte, Franco eine Botschaft, in der es hieß: "Die von Gott als wichtigster Diener der Evangelisation der Neuen Welt und als uneinnehmbares Bollwerk des katholischen Glaubens auserwählte Nation hat soeben den Anhängern des materialistischen Atheismus unseres Jahrhunderts den erhabensten Beweis dafür geliefert, dass über allen Dingen die ewigen Werte der Religion und des Geistes stehen." Ein weiteres Glückwunschtelegramm erhielt Hitler, dem der Papst "mit besten Wünschen den Segen des Himmels und des allmächtigen Gottes" übermittelte. [12]

Ohne auch nur ein Wort des Einwands vorzubringen, sah Pius XII. dem Völkermord an den Juden zu. Im April 1944 informierte ihn der Erzbischof Angelo Giuseppe Roncalli, der spätere Papst Johannes XXIII. (1958-63), detailliert über die in Auschwitz begangenen Verbrechen. Roncalli war zu dieser Zeit Nuntius (Botschafter des Vatikans) in Istanbul und hatte Informationen über die in Auschwitz verübten Gräueltaten erhalten. Sie stammten von zwei Juden, die im April 1944 aus Auschwitz fliehen konnten, und wurden später als "Protokolle von Auschwitz" bekannt. Roncalli schickte unverzüglich eine Zusammenfassung des Berichts per Telegramm an Pius XII. nach Rom. Unter der Überschrift "Ein ignoriertes Telegramm" berichtete die spanische Geschichtszeitschrift "Historia y Vida" in ihrer Nr. 467/2007 darüber und hielt fest, dass die bis heute verbreitete Version des Vatikans, er habe "erst im Oktober 1944" über genauere Details über Auschwitz verfügt, unwahr ist.


Halbporträt - Foto: Anefo, CC0 [https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/deed.de], via Wikimedia Commons

Eine löbliche Ausnahme in päpstlicher Traditionslinie? Johannes XXIII. am 15. Januar 1971
Foto: Anefo, CC0 [https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/deed.de], via Wikimedia Commons

Nach 1945 versuchte die katholische Kirche, ihre Schützenhilfe für das verbrecherische Hitlerregime und seine Vasallen zu leugnen. Nicht nur das, ihre höchsten Würdenträger protestierten sogar gegen Festnahmen von Nazis durch Besatzungsbehörden. Am 18. Juli 1945 forderte der Kölner Erzbischof Joseph Frings im britischen Hauptquartier, "das Problem der internierten Parteigenossen müsse gelöst werden" und behauptete, im Rheinland "habe es nur wenige überzeugte Nazis gegeben". Der Fuldaer Bischof Johann Baptist Dietz äußerte, 90 Prozent der Menschen seiner Diözese seien "ausgesprochene Gegner" der NSDAP gewesen. Der Landesbischof von Hannover August Mahrares verstieg sich dazu, dass "die Mitglieder der SA zum größten Teil vernünftig denkende Menschen und keine Parteifanatiker" waren. Sie hätten "lediglich eine innere Erneuerung des deutschen Volkes auf vaterländischer Grundlage" erstrebt. Das waren, wie Klee darlegt, keine Einzelfälle. [13]

Pius XII. höchstpersönlich erklomm den Gipfel der Heuchelei, als er einen der übelsten Unterstützer Hitlers, Kardinal Michael von Faulhaber, zum "Widerstandskämpfer" stilisierte und ihm "die höchste Anerkennung für seinen ausdauernden Kampf gegen das Naziregime" aussprach. Das geschah zur selben Zeit, als in seinem Auftrag im Franziskanerkloster in Rom der bereits erwähnte vorherige großdeutsche, nunmehr nur noch österreichische Bischof Alois Hudal, auch er ein begeisterter Vertreter des Bündnisses des Vatikans mit dem Faschismus, Naziverbrechern wie Eichmann und Bormann falsche Pässe zur Flucht auf der "Rattenlinie" nach Südamerika ausstellte.


Dafür selig gesprochen

Ein ähnlicher Heiligenschein wurde Kardinal Clemens August Graf von Galen verliehen, der 1995 sogar von dem polnischen Papst Karel Wojtyla alias Johannes Paul II. selig gesprochen wurde. Sein einziges Verdienst sei gewesen, "gegen die Tötung von Behinderten zu protestieren, was lobend anzuerkennen ist", schrieb Uta Ranke-Heinemann. Er sei jedoch "keineswegs ein Widerstandskämpfer gegen die Judenverfolgung" gewesen, sondern "ein Antisemit und Kriegsfreund". Am 5. September 1933 unter Hakenkreuzfahnen zum Bischof geweiht, schrieb er in seinem ersten Hirtenbrief: "Wir wollen Gott dem Herrn für seine liebevolle Fügung dankbar sein, welche die höchsten Führer unseres Vaterlandes erleuchtet und gestärkt hat, dass sie die furchtbare Gefahr, welche unserem geliebten Volk durch die offene Propaganda für Gottlosigkeit und Unsittlichkeit drohte, erkannt haben und sie auch mit starker Hand auszurotten suchen." Am 7. Februar 1936 schloss er im Münchner Frauendom eine Predigt mit den Worten: "Katholische Männer, wir beten jetzt zusammen ein Vaterunser für das Leben des Führers." Der auf den Altar gehobene Galen hatte Franco dafür gelobt, dass der gottlose Bolschewismus in Spanien "mit Gottes und Hitlers Hilfe besiegt" wurde. Als das Attentat des Antifaschisten Georg Elsner im Bürgerbräukeller am 8. November 1939 fehlschlug, schickte er Hitler umgehend ein Telegramm, in dem er von einem "verabscheuungswürdigen Verbrechen" sprach und Hitler "als Ortsbischof und im Namen der bayerischen Bischöfe wärmsten Glückwunsch für glückliche Rettung" aussprach und Gott bat, "er möge auch ferner seinen schützenden Arm über Sie halten". Im März 1942 pries er die siegreichen deutschen Soldaten, deren Kampf "ein Kreuzzug gegen den Bolschewismus sei", mit dem sie Europa "vor der roten Flut" bewahrten.

Für die Seligsprechung Galens wurde angeführt, er habe sich gegen die Judenvernichtung gewandt, das aber nicht öffentlich getan, weil die Juden ihn selbst gebeten hätten, sich nicht zu äußern, "um Schlimmeres zu verhindern". Diese Legende, die heute noch auch über "das Schweigen" von Pius XII. zur Vorbereitung von dessen Seligsprechung verbreitet wird, hat der damalige Vorsitzende des Zentralrates der Juden, Heinz Galinski, scharf zurückgewiesen. [14]

Bis heute hat die katholische Kirche nicht das Geringste unternommen, sich mit ihrer schwarz-braunen Vergangenheit auseinanderzusetzen. Selbst Jorge Mario Bergoglio, der seit dem 13. März 2013 als Papst Franziskus auf dem Stuhl Petri sitzt, hat sich in diese unheilvolle Traditionslinie eingereiht und sein Scherflein zur Reinwaschung der "Rattenlinien"-Organisatoren beigetragen. Dabei weckte sein Agieren im Büßerhemd, die Verheißung von ein paar Reformen, um die nach Zehntausenden zählenden Kirchenaustritte zu stoppen, Hoffnungen bei seinen Fans nach einer "offeneren Kirche". Was von dieser Propaganda zu halten ist, zeigte sich, als er am 19. Oktober 2014 Papst Paul VI., jenen Kardinal Giovanni Battista Montini, der nach 1945 als Cheforganisator der "Rattenlinie" nach Südamerika Martin Bormann, Adolf Eichmann, Josef Mengele und Zehntausende Nazi-Verbrecher vor ihrer Bestrafung rettete, selig sprach. Dass das kein Einzelfall ist, bewies Franziskus erst kürzlich, als er am 11. Februar 2021, wie die Nachrichtenagentur ANSA berichtete, feierlich des 91. Jahrestages des 1929 mit Mussolini geschlossenen Konkordats gedachte, mit dem, wie später mit dem Reichskonkordat mit Hitler, die faschistische Diktatur in Italien gefestigt wurde. Papst Pius XI. (Amtszeit von 1922 bis 1939) hatte den "Duce" in einer Rede an der katholischen Universität von Rom als "einen Mann, mit dem uns die Vorsehung zusammenführte", gewürdigt.


Halbporträt - Foto: Alberto Felici (1871-1950) [Public domain] via Wikimedia Commons

Papst Pius XI. (1930) - in seinem Auftrag unterzeichnete Pacelli das Reichskonkordat mit Hitlerdeutschland
Foto: Alberto Felici (1871-1950) [Public domain] via Wikimedia Commons


Anmerkungen:

[1] Uli Weyland: Strafsache Vatikan. München 1994, S. 457.

[2] Uki Goni: Odessa. Die wahre Geschichte. Fluchthilfe für NS-Kriegsverbrecher. Berlin/Hamburg, 2006.

[3] Mengele verstarb 1979 unbehelligt in einem Badeort in Brasilien.

[4] Guido Gerosa. Il caso Kappler. Dalle Ardeatine a Soltau. Mailand 1977.

[5] Ausf. zitiert in: Ernst Klee: Persilscheine und falsche Pässe. Frankfurt/Main 1991, S. 25 f.

[6] Ebd., S. 32.

[7] Weyland, S. 452 ff.

[8] Goni, S. 202 f.

[9] Ebd. S. 306.

[10] Karlheinz Deschner: Mit Gott und dem Führer. Köln 1988.

[11] Zit in: ebd. S. 49.

[12] Dietmar Stübler: Geschichte Italiens 1789 bis zur Gegenwart. Berlin (West) 1987, S. 156.

[13] Klee, S. 13 ff.

[14] In: Uta Ranke-Heinemann: Ein Antisemit und Kriegsfreund. Zur Seligsprechung von Kardinal Clemens August Graf von Galen. In: jW 7. Oktober 2005.

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Quelle:
© 2021 by Gerhard Feldbauer
Mit freundlicher Genehmigung des Autors


veröffentlicht im Schattenblick zum 18. Mai 2021

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