Vorsitzende eines Wasserverbands in Mexiko erschossen
Bauernbewegung sieht die Tat im Zusammenhang mit Megaprojekten. Forderung nach Entprivatisierung der Bewässerungsbezirke
von Philipp Gerber, 17. September 2025
Cuautla. Die Interimsvorsitzende des Bewässerungsverbands am Fluss Cuautla (Asurco), Carolina Plascencia Carvajal, ist inmitten eines Streits um die Nutzung der lokalen Wasserquellen in Mexiko erschossen [1] worden. Die Tat ereignete sich am vergangenen Freitag am helllichten Tag außerhalb der Stadt Cuautla im Bundesstaat Morelos, rund fünfzig Kilometer von der Hauptstadt Cuernavaca entfernt.
Laut dem Bündnis der Gemeinden zur Verteidigung von Land und Wasser in Morelos, Puebla und Tlaxcala (FPDTA-MPT) ist der Mord an Carolina Plascencia "durch die Kontrolle und den Streit um das von Asurco verwaltete Wasser motiviert". "Das Wasser wird zu Blut", heißt es in einer Stellungnahme zu dem Mord an Plascencia, den die Organisation in Zusammenhang mit dem thermoelektrischen Kraftwerk in der Ortschaft Huexca sieht. Dies ist Teil des Integralen Projekts Morelos (PIM). Ein Aquädukt zum Kraftwerk und eine 160 Kilometer lange Gasleitung gehörten ebenfalls dazu.
Laut dem FPDTA-MPT haben [2] mehr als 20 Unternehmen am PIM teilgenommen, viele von ihnen europäische, darunter die Konzerne Bonatti aus Italien und die spanischen Abengoa, Elecnor und Enagas.
Das FPDTA-MPT erinnert in seinem Kommuniqué an frühere Morde wie am Aufsichtsrat von Asurco, Francisco Vázquez, im Februar 2022, der sich auch gegen das PIM einsetzte (amerika21 berichtete [3]). Auch der Radio-Aktivist Samir Flores Soberanes, der Teil des Widerstands gegen das PIM war, wurde im Jahr 2019 ermordet.
Plascencia hatte 2024 den Vorsitz von Asurco vorübergehend übernommen, nachdem ihr Vorgänger das Amt nach einem bewaffneten Angriff aufgegeben hatte. Die Wahl zur regulären Neubesetzung des Asurco-Vorstands ist für den 28. September angesetzt. Drei Stunden vor ihrer Ermordung gab sie in einem Interview mit der Lokalpresse ihre Kandidatur für den offiziellen Vorsitz von Asurco bekannt [4]. Der Verband vereint rund 6.000 Bauern.
Mehrere Organisationen verurteilten [5] den Mord an Plascencia, darunter die nationale Koordination "Agua para la Todxs - Agua para la Vida" (Wasser für alle - Wasser für das Leben). Der Zusammenschluss von Basisorganisationen erinnerte daran, dass Asurco in der Vergangenheit "ohne die Zustimmung der kollektiven Landräte" Wasser an das Wärmekraftwerk Huexca abgetreten habe. "Die Bewässerungsbezirke müssen entprivatisiert werden, und Carolina Plascencia und ihre Familie müssen Gerechtigkeit erhalten", forderte Agua para la Todxs.
Damit ist die Zeit gemeint, in der der damalige Vorsitzende von Asurco, Rogelio Plascencia, Wasserrechte aus dem Fluss Cuautla an das umstrittene Wärmekraftwerk in Huexca abtrat. Dieses wurde während der Regierungszeit des Präsidenten Enrique Peña Nieto (2012-2018) gegen den Widerstand der Lokalbevölkerung von europäischen Unternehmen im Auftrag der Bundeskommission für Elektrizität (CFE) gebaut. Es konnte jedoch zunächst nicht ans Netz gehen, weil die Wasserzufuhr von oppositionellen Bauern blockiert wurde.
Präsident Andrés Manuel López Obrador (2018-2024), noch zu Wahlkampfzeiten erklärter Gegner des Megaprojekts, wechselte zu Beginn seiner Amtszeit seine Haltung. Im Februar 2019 führte er eine Abstimmung über das Kraftwerk durch und setzte sich für eine Zustimmung ein. Die Gegner bezichtigte er als "konservative Feinde" seiner Regierung. Nur drei Tage vor der Abstimmung wurde Samir Flores ermordet.
Die Mehrheit der städtischen Bevölkerung von Cuautla mit seinen 150.000 Einwohnern stimmte dem Projekt in einer Befragung zu, wobei die direkt betroffenen Gemeinden überstimmt wurden. Diese stellten die Legitimität der Befragung in Frage, weil sie nicht angemessen konsultiert worden seien. Im Dezember 2020 räumten Hunderte Nationalgardisten ein Protestcamp der Bauern gegen die Fertigstellung des Aquädukts, und das Kraftwerk ging kurz darauf ans Netz.
Die Region südlich von Mexiko-Stadt, die während der mexikanischen Revolution von 1910-1917 das strategische Zentrum der Aufständischen unter dem Revolutionär Emiliano Zapata war, erlebt seit Jahren eine Welle von Gewalt im Zusammenhang mit Großprojekten und Mafia-Aktivitäten. Mit Beginn dieser Projekte habe sich das organisierte Verbrechen ausgebreitet, warnte das FPDTA-MPT: "In diesem Gebiet hat sich ein Narco-Staat etabliert, der in der Praxis als Terrorinstrument diente, um das Thermokraftwerk, die Gasleitung und das Aquädukt durchsetzen zu können."
Von der neuen Gouverneurin des Bundesstaates Morelos, der Politikerin Margarita González Saravia für die Regierungspartei Morena, verlangte das FPDTA-MPT, dass der Mord an Carolina Plascencia aufgeklärt und die Täter sowie deren Hintermänner bestraft werden. Zudem sollten die kriminellen Gruppen zerschlagen werden, die versuchen, "das Wasser der Gemeindeländereien und die territoriale Kontrolle an sich zu reißen".
Dass Cuautla ein Brennpunkt des organisierten Verbrechens ist, kritisiert auch die katholische Kirche zunehmend. Am Tag nach der Ermordung von Carolina Plascencia fand [6] in Cuautla ein bereits zuvor organisierter Friedensmarsch statt, an dem mehrere Tausend Personen gegen die Mafiagewalt protestierten.
Anmerkungen:
[1] https://www.jornada.com.mx/noticia/2025/09/13/estados/asesinan-a-presidenta-interina-de-la-asurco-en-cuautla-morelos
[2] https://hablanlospueblos.org/PIM/empresas-y-gobiernos.-sus-palabras-sus-acciones/
[3] https://amerika21.de/2022/02/256940/mexiko-gewalt-samir-flores
[4] https://www.facebook.com/carlosalfonso.floreslopez.1/posts/pfbid02BCZoXohhsV22GaVZ4JrDYCm9LJcPBgprYjAk2YEEDfrJWzAgLmzgLouvGx3QA9q3l
[5] https://www.facebook.com/AguaParaTodxsMx/posts/pfbid0cR7HXA1g2iDqAPxiQ7DJ9262TQp6igYg4nLcrNQ3dFEQqPoThWvR9PGPxW4wmUhAl
[6] https://www.proceso.com.mx/nacional/estados/2025/9/13/ciudadania-exige-acabar-con-la-violencia-en-la-segunda-caminata-por-la-paz-en-cuautla-358806.html
Erstveröffentlicht auf amerika21:
https://amerika21.de/2025/09/276970/wasserkaempfe-mexiko-mord-vorsitzende
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Quelle:
© 2025 by Philipp Gerber
Mit freundlicher Genehmigung des Autors
veröffentlicht in der Online-Ausgabe des Schattenblick am 19. September 2025
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