Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) - Pressemitteilung vom 23. September 2025
Neuer Webdienst EO Wald visualisiert Kronendachverluste
Satellitendaten für deutsche Wälder in Not
Der Baumbestand in Deutschland schrumpft weiter dramatisch: Mehr als
900.000 Hektar Fläche gingen seit Herbst 2017 verloren. Das entspricht
8,5 Prozent der gesamten deutschen Waldfläche. Die Verluste haben sich
seit 2021 somit fast verdoppelt, als über 500.000 Hektar in nur drei
Jahren verloren gingen, wie das Deutsche Zentrum für Luft- und
Raumfahrt (DLR) damals nachwies. Ein besorgniserregender Trend, der
sich in den kommenden Jahren höchstwahrscheinlich fortsetzen wird. Um
Forst- und Holzwirtschaftende zu unterstützen, hat das DLR den
Kronendachverlust mittels Satellitendaten für ganz Deutschland
kartiert und eine Webanwendung dazu entwickelt: "EO Wald" zeigt die
Bestandsverluste seit September 2017 im Monatsrhythmus, mit einer
Auflösung von zehn Metern. Für das Management von Wäldern ist es
wichtig, den Zeitpunkt der Verluste zu kennen sowie die Entwicklungen
über lange Zeiträume zu verfolgen.
Die interaktiven Karten von EO Wald sind frei zugänglich. Sie können die Holzwirtschaft, Kommunen und die Politik dabei unterstützen, zeitnah auf Ereignisse zu reagieren und adäquate Maßnahmen zur Wiederaufforstung zu ergreifen. Ziel ist es, eine wirtschaftliche und nachhaltige Waldentwicklung zu ermöglichen. Dies ist auch hinsichtlich des globalen Wandels bedeutend. Als grüne Lunge der Erde gewährleisten gesunde Wälder eine hohe Aufnahme von Kohlenstoff und sind resilienter gegenüber klimatischen Extremereignissen.
"Umwelteinflüsse und Schädlingsbefall haben in unseren Wäldern deutliche Spuren hinterlassen. Durch die Nutzung von Satellitendaten können wir in kurzen zeitlichen Abständen und hoher räumlicher Auflösung das Kronendach der Wälder erfassen . In unserem neuen Webdienst EO Wald haben wir die raum-zeitliche Dynamik der Kronendachverluste visualisiert", erläutert Prof. Dr.-Ing. Anke Kaysser-Pyzalla, Vorstandsvorsitzende des DLR. "Mit dieser großflächigen Verarbeitung von Massendaten hin zu einer breiten Palette an Informationsprodukten unterstützen wir Forst- und Wirtschaftsbetriebe, sowie andere öffentliche Stakeholder in ihrer Arbeit. So können Waldschäden gezielt quantifiziert und prognostiziert werden. Daraus abgeleitete Maßnahmen helfen, unsere Wälder zu schützen und zu erhalten."
EO Wald - so heißt das Informationsportal des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR), das mit Satellitendaten den Zustand der deutschen Wälder dokumentiert. Dürre, Stürme und Schädlinge haben in den vergangenen Jahren zu massiven Waldschäden geführt. In EO Wald werden deutschlandweit Kronendachverluste für die Jahre 2017-2024 gezeigt - auf Basis von Sentinel- und Landsat-Daten. So können Wissenschaftler*innen Veränderungen im Wald genau beobachten, Schäden sichtbar machen und wichtige Informationen für Forstwirtschaft, Wiederbewaldung und Forschung bereitstellen. Im Video erklärt DLR-Wissenschaftler Dr. Frank Thonfeld, wie EO Wald funktioniert und zeigt anhand von Schadflächen im Harz, warum diese Daten entscheidend sind, um den Wald der Zukunft besser zu verstehen und zu schützen.
Ungewöhnlich starke Dürreperioden, Hitzewellen und Stürme haben Deutschlands Wälder in den vergangenen Jahren zugesetzt. Die gestressten Bäume sind zudem anfällig für Schädlinge, so dass vielerorts Bäume absterben und teilweise großflächig notgefällt werden müssen. Mit Laien-verständlich aufbereiteten Karten eröffnet EO Wald dazu einzigartige Einblicke. Das neue Datenportal wurde am Earth Observation Center (EOC) des DLR entwickelt und im Rahmen des Projekts ForstEO validiert.
EO Wald bietet Ansichten und Vergleiche auf Pixelebene sowie auf Ebene der Bundesländer, Landkreise und Gemeinden. Eine Zeitachse zeigt den prozentualen Anstieg der Kronendachverluste im jeweils ausgewählten Gebiet pro Monat. Nutzerinnen und Nutzer können die Zeiträume auch anpassen oder bestimmte Gebiete im monatlichen, saisonalen sowie jährlichen Überblick betrachten. Dank der räumlich und zeitlich hohen Auflösung lässt sich auf den Karten nachvollziehen, wo es wann zu welchen Verlusten kam. Dies hilft auch, die Ursachen besser zu identifizieren. Verluste, die sich zum Beispiel kreisförmig ausbreiten, deuten auf Schädlinge hin, geometrische Flächen hingegen auf Ernten. Durch die genauen zeitlichen Informationen lassen sich verschiedene Ereignisse exakt verorten wie zum Beispiel Waldbrände, Sturmereignisse oder gezielte Maßnahmen zum Ausbau von Infrastruktur.
Die Winteraufnahmen der Satelliten offenbaren den Großteil der Verluste: In der kalten Jahrezeit findet die reguläre, aber auch die schadgetriebene Holzernte statt. Das Holz weist dann eine gute Qualität auf, und der gefrorene Waldboden ist weniger empfindlich gegenüber den schweren Erntemaschinen. Zusätzlich fordern Winterstürme herbe Verluste, da sie weitflächig und gerade auch den gesunden Baumbestand treffen können. Um solche Entwicklungen zu beobachten und zu verstehen, sind die satellitenbasierte Fernerkundung und kontinuierliches Monitoring unverzichtbar.
Das DLR ist deutschlandweit führend im Bereich der Big Data Analyse von großflächigen Erdbeobachtungsdaten und deren Veredelung zu einer breiten Palette an Informationsprodukten. Für die Berechnung der Kronendachverluste nutzten die Forschenden unter anderem Daten der Sentinel-2-Satelliten des europäischen Copernicus-Programms sowie der amerikanischen Satelliten Landsat-8 und -9.
"Mit EO Wald sind wir auf eine 'wissenschaftliche Zeitreise' gegangen. Für den Beobachtungszeitraum von 2017 bis 2024 haben wir mehrere zehntausend Datensätze im Monatsrhythmus analysiert und für die Öffentlichkeit nutzbar gemacht. Ich freue mich besonders, dass wir auch schon mit Behörden und ersten Anwendern im Austausch sind", erklärt Projektleiter Dr. Frank Thonfeld vom Earth Observation Center (EOC) des DLR. So wird der EO-Wald-Datensatz bereits von den Bayerischen Staatsforsten AöR sowie der Bayerischen Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft genutzt.
Extreme Wetterereignisse wie ungewöhnlich starke Dürre- und Hitzeperioden werden in Hinblick auf den globalen Wandel weiter zunehmen. Die in Deutschland dominierenden Fichtenwälder etwa haben durch die trockene Hitze und die dadurch begünstigten Borkenkäfer-Populationen bereits drastische Verluste erlitten - diese Entwicklung wird sich in den kommenden Jahren voraussichtlich fortsetzen. Für das Waldmanagement ist es daher essenziell, solche Trends vorherzusehen. Langjährige Satellitendaten-Zeitreihen ermöglichen es, die großen Waldgebiete kontinuierlich zu beobachten und Veränderungen zu erkennen.
Das gilt für natürliche Prozesse ebenso wie für geplante und ungeplante Eingriffe durch den Menschen. Um die Waldschäden der letzten Jahre aufzuarbeiten, waren etwa außergewöhnlich großflächige Holzeinschläge notwendig. Solche Verluste wirken sich auf das gesamte Ökosystem des Waldes aus und beeinflussen unter anderem Mikroklima, Wasserhaushalt, Oberflächenabfluss, Grundwasser-Neubildung, Wasserqualität und Biodiversität. Darüber hinaus müssen auch die Folgen des Klimawandels genauer quantifiziert werden. Mit EO Wald verfügen Entscheidungsträger nun über eine wissenschaftliche Datengrundlage, um geeignete Strategien zum Schutz und Aufbau der Wälder zu erstellen.
Beim Umbau eines Waldes und der Wiederaufforstung ist besondere Weitsicht gefragt: Welche Baumarten trotzen den gegenwärtigen Klimabedingungen? Und sind sie auch in 60 bis 80 Jahren den dann herrschenden Bedingungen gewachsen? In Deutschland wurden nach dem Zweiten Weltkrieg vorrangig Fichten als wichtigster Holzlieferant aufgeforstet, nicht selten standortfremd. Mit ihrer ähnlichen Alters- und Wuchsstruktur sind sie als Monokultur wenig widerstandsfähig.
Die bisherigen Daten machen deutlich, dass Reinkulturen von Fichten, Kiefern und Buchen besonders gefährdet sind. Mischwälder hingegen sind resilienter und weisen eine bessere Risiko-Verteilung auf. Biodiversität und eine gemischte Waldstruktur mit jungen wie auch alten Bäumen sind also ein Schlüssel für gesunde Wälder. Bei gleichzeitiger wirtschaftlicher Nutzung stellt das eine große Herausforderung dar, da es mehrere Jahre bis Jahrzehnte dauert bis ein neuer Wald entsteht.
Zur Bewältigung dieser Herausforderungen, gibt die neue Datenplattform
einen Überblick über die Kronendachverluste. Ein möglicher
Wiederbewuchs ist in den Karten nicht berücksichtigt, denn dazu sind
die Jungpflanzen während des siebenjährigen Beobachtungszeitraums noch
zu klein. Der Zustand der Wälder wird jedoch durch hochauflösende
Erdbeobachtungssatelliten wie Sentinel-1 und Sentinel-2 laufend
erfasst. Die Forschenden am Earth Observation Center (EOC) des DLR
arbeiten daher bereits an neuen Datensätzen und wollen ihren Webdienst
künftig erweitern. Um die nachhaltige Entwicklung und Bewirtschaftung
von Wäldern zu unterstützen, präsentiert das DLR nun EO Wald und
bringt dort seine umfassende Expertise im Bereich Fernerkundung
ein.
EO Wald: Deutschland im Überblick
Der DLR-Webdienst EO Wald bietet frei zugänglich interaktive Karten
zum Verlust der Kronendachbedeckung für ganz Deutschland. Erfasst sind
die Verluste im Monatstakt seit September 2017, mit einer räumlichen
Auflösung von zehn Metern. Die Karten basieren auf Satellitendaten und
sollen insbesondere Forst- und Holzwirtschaftsbetriebe und Verwaltung
beim nachhaltigen Waldmanagement unterstützen. Die Karte hier gibt
einen Überblick der Kronendachverluste auf Gemeinde-Ebene im Verlauf
von September 2017 bis September 2024.
Bild: 1/7, Credit: DLR (CC BY-NC-ND 3.0)
Kronendachverluste im Harz 2017-2024
Die Karte zeigt die Kronendachverluste in der Mittelgebirgsregion Harz
- im Zeitraum September 2017 bis September 2024, mit einer räumlichen
Auflösung von zehn Metern. Die Farbskala visualisiert den Zeitpunkt
des Kronendachverlusts in Monatsschritten von schwarz (September 2017)
bis gelb (September 2024). Intakte Waldflächen sind grün dargestellt.
In dieser Zeit wurde der Wald vor allem durch Stürme (2018) sowie
durch Hitze und Dürre mit anschließendem Schädlingsbefall (2019-2022)
geschädigt.
Bild: 2/7, Credit: DLR (CC BY-NC-ND 3.0)
Borkenkäfer-Befall im Nationalpark Hunsrück-Hochwald
Der Nationalpark Hunsrück-Hochwald erstreckt sich über 10.000 Hektar
im Westen von Rheinland-Pfalz bis ins Saarland. Die Karte des
DLR-Webdienstes EO Wald zeigt die Kronendachverluste seit 2017, welche
überwiegend die Fichtenwälder betreffen. Der Verlauf hier ist typisch
für Verluste durch den Borkenkäfer. Die ungewöhnlich starken Dürre-
und Hitzeperioden zwischen 2018 und 2020 verursachten erste Schäden
und schwächten die Bäume. Gleichzeitig schuf dies Idealbedingungen für
den Borkenkäfer, der sich bei trockener Hitze explosionsartig
vermehrt. Insbesondere Fichten erholen sich nach einem Befall nicht
mehr. Hier im noch jungen Nationalpark werden sie als Teil der
Langfriststrategie gebietsweise entnommen und an anderen Stellen der
natürlichen Entwicklung überlassen.
Bild: 3/7, Credit: DLR (CC BY-NC-ND 3.0)
Notgefällter Wald nach Schädlingsbefall
Das Bild verdeutlicht die Folgen eines Borkenkäfer-Befalls. Die
betroffenen Bäume werden mit schweren Erntemaschinen möglichst
vollständig entnommen. Der Kahlschlag wird als letztes Mittel
eingesetzt, um dem Borkenkäfer die Nahrung zu entziehen und dadurch
seine weitere Ausbreitung zu verhindern. Anfällig sind insbesondere
Fichten, die in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg weitflächig als
Holzlieferant gepflanzt wurden. Das Bild wurde im Juli 2025
aufgenommen, im Waldgebiet von Schierke bei Wernigerode im Harz,
Sachsen-Anhalt. Im Bildhintergrund sind Teile des Nationalparks Harz
zu sehen, in dessen Kernzone keine Bewirtschaftung stattfindet und die
abgestorbenen Bäume als stehendes Totholz verbleiben.
Bild: 4/7, Credit: DLR/Thonfeld
Nachhaltige Mittelwald-Bewirtschaftung
Die Daten des EO Wald Webdienstes offenbaren hier eine
Mittelwald-Bewirtschaftung in Eichenwäldern in Franken, Bayern. Es ist
eine alte und heute nur noch selten praktizierte Form der
Waldwirtschaft. Sie erlaubt, dass Brennholz und Nutzholz auf der
gleichen Fläche gleichzeitig heranwachsen. Mittelwälder bestehen aus
zwei Baumschichten - dem Oberholz, das alt werden darf, und dem
Unterholz, das regelmäßig geerntet wird. Die Hiebe finden
üblicherweise im Winter statt. Die dadurch entstehenden lichten
Waldstrukturen - die hier als zusammenhängende Streifen erkennbar sind
- sind auf den ersten Blick ungewohnt, leisten aber einen wichtigen
Beitrag zu Natur- und Artenschutz. Dabei bleiben ausgewählte, oft
besonders schön gewachsene Bäume stehen. Diese einzelnen Riesen sind
im Datensatz nicht erkennbar, entwickeln sich aber im Laufe von über
100 Jahren zum mächtigen Oberholz des Mittelwaldes.
Bild: 5/7, Credit: DLR (CC BY-NC-ND 3.0)
Verlust durch Waldbrände
Insgesamt drei größere Brände haben in den Jahren 2018, 2019 und 2022
den Wald zwischen Treuenbrietzen und Jüterbog in Brandenburg
getroffen. Die vorherrschenden Kiefernwälder waren durch die
wiederholten intensiven Trockenphasen besonders anfällig für Feuer.
Die Ansicht hier zeigt die durch die Brände verursachten
Veränderungen. Dank der zeitlich hochaufgelösten Daten von EO Wald
können die Kronendachverluste auch im Monatsrhythmus oder im
saisonalen Vergleich betrachtet werden. Die saisonale Darstellung
unterstreicht, dass Feuer überwiegend in den Sommermonaten auftreten
(rötliche und orange Farben), aber in den Randbereichen auch zeitlich
versetzte Auswirkungen auftreten können.
Bild: 6/7, Credit: DLR (CC BY-NC-ND 3.0)
Sturmschäden im Chiemgau
Ein Sturmereignis im Sommer 2021 hat den Wäldern im Chiemgau nördlich
des Chiemsees in Bayern stark zugesetzt, wie die Karte von EO Wald
hier zeigt. Die Farbskala von schwarz (September 2017) bis gelb
(September 2024) markiert den Zeitpunkt der jeweiligen
Kronendachverluste. Die Verluste hier wurden zum selben Zeitpunkt
detektiert, sodass sie dem Sturmereignis zugeordnet werden können.
Bild: 7/7, Credit: DLR (CC BY-NC-ND 3.0)
Weiterführende Links
Website EO Wald
https://eowald.dlr.de/
Deutsches Fernerkundungsdatenzentrum (DFD) des DLR
https://www.dlr.de/de/dfd
Thema im Fokus: Das System Erde im Blick
https://www.dlr.de/de/forschung-und-transfer/themen/das-system-erde-im-blick
Originalpressemitteilung mit Bildern
https://www.dlr.de/de/aktuelles/nachrichten/2025/satellitendaten-fuer-deutsche-waelder-in-not
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Quelle:
DLR-Presse-Information, 23.09.2025
Herausgeber:
Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR)
Kommunikation
Linder Höhe, 51147 Köln
Tel.: +49 2203 601-0, Fax: +49 2203 601-10
E-Mail: contact-dlr[at]dlr.de
Internet: www.dlr.de
veröffentlicht in der Online-Ausgabe des Schattenblick am 2. Oktober 2025
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