poonal - Pressedienst lateinamerikanischer Nachrichtenagenturen
Transnationale Allianzen gegen den globalen Extraktivismus
Von: Maureen Zelaya Paredes und Pedro Ramiro
(Belém, 11. November 2025, El Salto/poonal).- Während Belém von leeren Versprechungen widerhallt, treibt eine Vielzahl sozialer, indigener und ökologischer Bewegungen eine internationalistische Agenda gegen den Rohstoffabbau und für Klimagerechtigkeit voran.
Neben dem zweiwöchigen offiziellen Gipfel, der den Fortschritten in Bezug auf Klimaschutz, Finanzierung und Mechanismen für einen gerechten Übergang gewidmet ist, treffen sich in verschiedenen Foren Initiativen und soziale Kollektive aus aller Welt, insbesondere aus Lateinamerika, um internationalistische Allianzen wiederzubeleben und der globalen Extraktivismusoffensive entgegenzutreten. Vom eigentlichen Gipfel ist nicht viel zu erwarten. Zu lange schon sind die COPs ein Ritual geworden, bei dem die wichtigsten Staats- und Regierungschefs der Welt sich für neue Mechanismen aussprechen und feierliche Absichtserklärungen abgeben, die nach Ende des Gipfels nicht in konkrete Zeitpläne und Budgets umgesetzt werden, und diesmal haben die Länder mit den höchsten Emissionen nicht einmal teilgenommen: Es fehlen China, die USA, Indien und Russland.
"Wir wollen keinen Marktplatz für ideologische Produkte, wir wollen Ernsthaftigkeit bei der Beschlussfassung und ihrer Umsetzung", sagte selbst der brasilianische Präsident [1], womit er die Wirkungslosigkeit von Gipfeltreffen einräumte, die zwischen Greenwashing und Business as usual schwanken. Was die Treffen abseits des offiziellen Gipfel angeht, gibt es jedoch Anlass zu neuer Hoffnung. Zahlreiche indigene, ökologische, gewerkschaftliche, feministische und antikapitalistische Organisationen und Bewegungen haben sich in Belém versammelt, um Strategien zu überdenken und internationale Instanzen zu reaktivieren, um ihren Kampf und ihren Widerstand zu stärken und die Widersprüche der progressiven Regierungen zu überwinden. Gemeinsam arbeiten sie daran, die Selbstorganisation der Gemeinschaften zu fördern, das soziale Gefüge zu stärken und sich nicht ausschließlich an den Forderungen an die jeweiligen Regierungen abzuarbeiten.
Der Gipfel der Völker findet seit dreißig Jahren im Rahmen des UN-initiierten Klimagipfels statt. In diesem Jahr hat das Interesse sozialer Kollektive an diesem Forum wieder zugenommen, nachdem die letzten drei Konferenzen in Ländern stattgefunden hatten, in denen das Recht auf Protest kriminalisiert wird und Aktivist*innen und regierungskritische Organisationen mit Verfolgung rechnen müssen. In der Cúpula dos Povos in Belém kamen Vertreter*innen von mehr als 1.200 Organisationen aus aller Welt zusammen, die sich einem gemeinsamen Ziel verschrieben haben: "Die Mobilisierung der Bevölkerung stärken und einheitliche sozioökologische, antipatriarchale, antikapitalistische, antikolonialistische, antirassistische Agenden entwickeln, die auf Menschenrechten basieren", heißt es im Manifest [2].
Der Gipfel der Völker begann am 12. November mit einer Flussfahrt von mehr als 200 Booten [3], "um über das Wasser den Aufschrei gegen die Entscheidungen der COP zu verbreiten, die das Modell der territorialen Ausbeutung aufrechterhalten", so ein Sprecher der Initiative. "Die Gewässer des Amazonas bringen die Stimmen, die die Welt hören muss: die Stimmen derer, die das Leben, die Territorien und das Klima verteidigen". Vier Tage lang gab es Vorträge, Workshops und Versammlungen. Den Abschluss des Gipfels bildete am 15. November eine große Demonstration, die von dezentralen Aktionen in vielen anderen Ländern begleitet wurde. Anschließend wurden die Forderungen des Gipfels in der Plenarsitzung der COP vorgestellt. Vom 8. bis 11. November fand bereits das II. Lateinamerikanische und Karibische Ökosozialistische Treffen statt, bei dem sich zweihundert Basisaktivist*innen aus verschiedenen Ländern versammelten, um ausgehend von den Erfahrungen im Kampf gegen die Ausbeutung ihrer Länder über Strategien zur Stärkung einer internationalistischen gemeinsamen Basis nachzudenken, um der sozioökologischen Krise zu begegnen.
Fast parallel, vom 7. bis 12. November, fand das IV. Internationale Treffen der von Staudämmen Betroffenen statt. Diese Initiative ist das Ergebnis eines internationalen Koordinierungsprozesses der seit 30 Jahren bestehenden Kämpfe der Gemeinden gegen große Kraftwerke und Stromkonzerne. Eins der wichtigen Themen ist die Beziehung der Bewegungen zu den progressiven Regierungen. Während die Stadt bereits mit Tausenden von bunten Werbeplakaten geschmückt war, um die die Bedeutung des Schutzes des Amazonasgebiets hervorheben, erhielt das staatliche Unternehmen Petrobras von der Regierung Lula die Genehmigung, etwa 500 km vor der Mündung des Amazonas in tiefen Gewässern Öl zu fördern. Dies zeigt deutlich, wie groß die Kluft zwischen der üblichen Rhetorik des Grünen Kapitalismus und der immer wieder aufgeschobenen dringenden Notwendigkeit einer Transformation der primären Exportwirtschaft ist.
Unser Planet ist geprägt von einer Klimakrise und extremer Ungleichheit, die durch das Kapitalozän (und durch eine Politik, die den Kapitalismus grün schminkt) verursacht wurden. Daher haben sich Initiativen zur Allianz "Pueblos contra el Extractivismo" (Völker gegen den Extraktivismus) zusammengeschlossen, um das extraktivistische Modell zu bekämpfen. Die Initiative wurde am 9. November in Belém gegründet, um Bewegungen, Gemeinschaften und Organisationen zusammenzuführen und zu koordinieren, die sich gegen Ausbeutung wehren und sich für eine tiefgreifende Transformation eines Systems einsetzen, das das Leben und die Territorien bedroht. Das internationale Netzwerk vereint vor allem Erfahrungen aus Lateinamerika und Europa; künftig soll auch der afrikanische Kontinent stärker eingebunden werden. Die Koalition besteht aus Basisbewegungen, indigenen Völkern, Menschen mit afrikanischen Wurzeln, Landarbeiter*innen sowie verschiedenen sozialen Massenorganisationen.
Sie alle kämpfen an verschiedenen Fronten gegen denselben Feind: das extraktivistische Modell, das die fortwährende Ausbeutung der Gemeingüter und die Ausweitung der Produktionsgrenzen auf als "unproduktiv" geltende Gebiete vorantreibt. Es beschränkt sich nicht auf Bergbau oder Erdöl, sondern umfasst auch Monokulturen, Agrarindustrie, Biokraftstoffe und Energie-Megaprojekte, die ein abhängiges Modell festigen und eine Reprimarisierung der peripheren Volkswirtschaften bewirken, das heißt, verstärkter Rohstoffabbau und weniger verarbeitende Industrie. Das Netzwerk betrachtet Extraktivismus nicht nur als wirtschaftliche Praxis, sondern als Form der Machtorganisation innerhalb liberaler Demokratien und als Herrschaftsmechanismus, der das Leben der Gemeinschaften bestimmt.
In dieser neuen Phase der kapitalistischen Akkumulation wird den Völkern und ihren Territorien - die zynischerweise zu Opferzonen gemacht werden - die Enteignung aufgezwungen, die nun mit der Energiewende gerechtfertigt wird. Im militärischen grünen Kapitalismus [4] konkurrieren EU, USA und China um die Kontrolle über die Mineralien, die für die Aufrechterhaltung der Wirtschaft des kapitalistischen Zentrums von grundlegender Bedeutung sind. In diesem beschleunigten Wettlauf um den Zugang zu kritischen Rohstoffen, der in ökosozialer Hinsicht sowieso keinen wirklichen Fortschritt bedeutet, ist der Bergbau derzeit die gewalttätigste Ausprägung des Extraktivismus: Er geht mit Militarisierung, Zwangsumsiedlungen, Rassismus, Kriminalisierung und sogar Morden an denen, die das Gemeingut verteidigen, einher.
Die Allianz "Pueblos contra el Extractivismo" (Völker gegen den Extraktivismus) vertritt die Auffassung, dass der Schutz von Lebensräumen und Ökosystemen untrennbar mit dem Kampf gegen die neokoloniale Offensive des Extraktivismus verbunden ist. Angesichts der Ausweitung der Rohstoffgewinnung ist die Schaffung von Alternativen von unten ein wesentliches Ziel. Zum internationalistischen Selbstverständnis der Initiative gehört außerdem die Unterstützung der Völker Ecuadors, Panamas und Perus, wo in den letzten Monaten staatliche Repression, willkürliche Verhaftung, Militarisierung von Gemeinden und gerichtliche Verfolgung von Umwelt- und Sozialaktivist*innen zugenommen haben. Der territoriale Widerstand organisiert sich zur Verteidigung des Wassers, des Landes, der Territorien und ihrer Bewohner*innen und verbindet dabei verschiedene Kämpfe und Forderungen. In Ecuador haben die Amazonasgemeinden Ölprojekte gestoppt; in Panama gelang es der Bewegung nach wochenlangen Mobilisierungen, eine Bergbaukonzession zu verhindern; in Peru halten die Rondas Campesinas die kollektive Verteidigung der Gemeingüter aufrecht. Diese Prozesse stellen das Recht auf Widerstand als gemeinsame Praxis gegen den extraktivistischen Neokolonialismus wieder in den Vordergrund.
Der Planet und die Gemeinschaften können nicht länger auf den guten
Willen der Regierungen warten, die immer weiter den extraktivistischen
Raubbau fördern. Angesichts der Enteignung und Militarisierung von
Territorien und der Straffreiheit für die Konzerne konzentriert sich
das internationalistische Netzwerk auf die Verteidigung der Gebiete,
denn diese Territorien sind keine Ressource: Sie sind die materielle
Lebensgrundlage der Gemeinschaften und der Natur und, im Falle der
indigenen Völker, die spirituelle Grundlage des Lebens. Genauso
grundlegend sind das Recht auf Widerstand, Selbstverteidigung und
Selbstbestimmung der Völker als Grundpfeiler der ökologischen und
sozialen Gerechtigkeit und der Aufbau gemeinschaftlicher Alternativen
wie Solidarwirtschaft, Selbstverwaltung, feministische und
agroökologische Netzwerke und viele andere Praktiken, die von den
Basisorganisationen gefördert werden. Die Stärkung transnationaler
gegenhegemonialer Netzwerke ist der Schlüssel, um der Macht der
Konzerne entgegenzutreten und auf ein Leben in Würde und
Klimagerechtigkeit hinzuarbeiten. Um mit Pueblos contra el
Extractivismo zu sprechen: Unsere Territorien werden nicht
verscherbelt, sondern verteidigt.
Anmerkungen:
[1] https://elpais.com/america/2025-11-06/lula-acoge-el-debate-mundial-del-clima-en-la-calurosa-amazonia-llamando-a-los-paises-a-cumplir-no-queremos-un-mercadillo-ideologico.html
[2] https://cupuladospovoscop30.org/en/manifesto-2/
[3] https://cupuladospovoscop30.org/barqueata-da-cupula-dos-povos-leva-mais-de-200-embarcacoes-a-baia-do-guajara-em-belem-em-ato-historico-pela-amazonia-e-pela-justica-climatica/
[4] https://cupuladospovoscop30.org/barqueata-da-cupula-dos-povos-leva-mais-de-200-embarcacoes-a-baia-do-guajara-em-belem-em-ato-historico-pela-amazonia-e-pela-justica-climatica/
URL des Artikels:
https://www.npla.de/thema/umwelt-wirtschaft/transnationale-allianzen-gegen-den-globalen-extraktivismus
Link zum Originalartikel von El Salto
https://www.elsaltodiario.com/transicion-ecosocial/movimientos-sociales-alianzas-transnacionales-ofensiva-extractivista-global#
Lizenz: creative commons
El Salto, Madrid
https://www.elsaltodiario.com
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Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.
https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/
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Quelle:
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Telefon: 030/789 913 61
E-Mail: poonal@npla.de
Internet: http://www.npla.de
veröffentlicht in der Online-Ausgabe des Schattenblick am 21. November 2025
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