Die Europäische Union lebt weit über ihre Verhältnisse. Jedes Jahr verbraucht sie so große Mengen an natürlichen Ressourcen und belastet Luft, Boden und Wasser mit dermaßen viel Wohlstandsmüll, dass ihr zur Kompensation dieser Übergriffe eigentlich mehrere Planeten zur Verfügung stehen müssten. Würde jeder Mensch auf Erden durchschnittlich den gleichen Lebens- und Konsumstil pflegen wie die EU-Bürgerinnen und -Bürger, wäre am 29. April 2023 Schluss gewesen. Das ergeben die jüngsten Berechnungen zum sogenannten Erdüberlastungstag, englisch Earth Overshoot Day.
Warum hat man davon nichts gemerkt? Weil sich Mangel und Naturbelastung nicht nur direkt bemerkbar machen, sondern oftmals nur indirekt festzustellen sind. In der Berichterstattung an jenem 29. April 2023 war beispielsweise auch von "ungeregelter Migration" die Rede, also von Menschen, die ihre (nicht selten klimatisch benachteiligte) Heimat verlassen und nach Deutschland kommen. Oder: In der Ampelkoalition wird wegen der häufigeren Hochwasser- und Unwetterkatastrophen über die Einführung einer obligatorischen Elementarschadenversicherung debattiert. Oder: Im Sudan sind Zehntausende auf der Flucht. Oder: In der Ukraine tobt ein zwischenstaatlicher und in Honduras ein innerstaatlicher Krieg.
Mittelbar und unmittelbar stecken hinter solchen und vielen weiteren Meldungen vom 29. April 2023 und selbstverständlich von den meisten anderen Tagen eines beliebigen Jahres naturkatastrophale Ereignisse, Schadensfolgen klimatischer Negativtrends oder Ressourcenverteilungskämpfe, die mit direkt geraubten oder auch den anderen Menschen vorenthaltenen Überlebensvoraussetzungen vorangetrieben werden; letzteres meist von nicht minder vernichtender Konsequenz. So hungern weltweit Hunderte von Millionen Menschen, Milliarden haben keinen ausreichenden Zugang zu sauberem Trinkwasser.
Auch die in Europa festzustellende klimawandelbedingte Zunahme an Extremwetterereignissen lässt sich einerseits auf historische und andererseits auf aktuelle Begleitschäden von Gesellschaften mit besonders verbrauchsintensiven Produktionsweisen, wie sie die meisten europäischen Staaten vorantreiben, deuten.
Zwar existieren keine zwei, drei oder vier Planeten, die der Europäischen Union eigentlich zur Verfügung stehen müssten, um den vergleichsweise hohen Konsum ihrer Bürgerinnen und Bürger dauerhaft zu gewährleisten, aber real genügt ja eine einzige Erde, nämlich unter der Voraussetzung, dass die Schadensfolgen der Übernutzung entweder in andere Weltregionen verlagert oder als Erblast zukünftigen Generationen aufgehalst werden.
"Es gibt ein wachsendes Bewusstsein dafür, dass intakte Natur einen
wirtschaftlichen Wert hat."
(Grundsatzrede der EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen,
13.9.2024, München)
Baumbesetzung im Hambacher Wald: Offensichtlich gibt es Menschen, die
ein wachsendes Bewusstsein dafür haben, dass intakte Natur einen Wert
hat - auch ohne Wirtschaft.
Foto: © 2015 by Schattenblick
Wie gelingt es der Europäischen Union, ihren exorbitanten Erdüberlastungskonsum Jahr für Jahr umzulasten? Dafür stehen ihr mehrere Mittel zur Verfügung, die nicht scharf voneinander zu trennen sind und sich vielmehr wechselseitig verstärken. Als Gesamtkomplex sollen sie das Hegemonieprojekt EU-Europa stärken. Neben dem Streben nach ökonomischer, handelspolitischer, militärischer, technologischer und struktureller Dominanz - für letztere ist die unverhältnismäßig starke europäische Präsenz im UN-Sicherheitsrat ein typisches Beispiel - besteht auch ein allen anderen Betrachtungsebenen zugrundeliegendes weltanschauliches Dominanzstreben. Das betrifft beispielsweise auch den Begriff "Natur" und das Verständnis davon, was damit gemeint ist, und umgekehrt, welche anderen Vorstellungen von Natur dadurch ausgeschlossen werden sollen.
Das Verhältnis vieler Menschen zu ihrer Mit- und Umwelt wird von einem Naturbegriff geprägt, der geistesgeschichtlich auf das Christentum (Macht euch die Erde untertan) und die griechischen Philosophen der Antike zurückgeht. Auch wenn andere, mitunter von Großreichen geprägte Kulturräume ohne die gleiche Geistesgeschichte ebenfalls einen verbrauchsintensiven Umgang mit Natur pflegen, hat sich im großen und ganzen die westliche Sicht weltweit durchgesetzt.
Die Europäische Union, die sich zunächst in der Lissabon-Strategie und anschließend mit "Europa 2020" zum Ziel gesetzt hat, andere Wirtschaftsmächte wie die Vereinigten Staaten von Amerika niederzukonkurrieren, setzt zu diesem Zweck auf grüne Ökonomie, Klimaschutz und Nachhaltigkeit. Auf diesen Feldern, denen allen ein bestimmtes Naturverständnis zugrundeliegt, versucht sie zu punkten und eine globale Führungsmacht zu werden. Nicht zuletzt weil ihr als supranationale Organisation noch nicht das Ausmaß an Identifikation seitens ihrer Bürgerinnen und Bürger zuteil wird wie beispielsweise der US-Regierung. Die einzelnen Mitgliedsstaaten der Europäischen Union verfolgen sehr verschiedene Interessen; eine Identifikation der Bevölkerung mit dem Brüsseler Beamtenstaat ist bisher nicht zustande gekommen.
Positioniert zwischen dem Deregulierungsmodell der USA und dem staatsdirigistischen Modell Chinas legt die EU einerseits Handlungsrahmen für die Mitgliedsstaaten fest und lässt andererseits innerhalb der vorgegebenen Grenzen Marktkräfte walten. Zwischen diesen Leitplanken ist auch die Idee der "Naturgutschriften", engl. Biodiversity Credits, anzusiedeln. Die EU-Kommission will "die Natur" schützen, indem sie Naturgütern und -räumen, bildlich gesprochen, ein Preisschild aufklebt. Wer Natur verbraucht, muss dafür bezahlen - neu ist das nicht, aber der Preis dafür könnte in Zukunft an der einen oder anderen Stelle steigen. Im Gegenzug sollen die beteiligten Unternehmen Gutschriften erhalten, mit denen sie Geschäfte machen können.
Im Juli dieses Jahres hat die EU-Kommission ihre "Roadmap towards Nature Credits", also ihren "Fahrplan für Naturgutschriften", verabschiedet. Als potentielle Adressaten für den Erwerb solcher Gutschriften werden Unternehmen, Finanzinstitute, öffentliche Einrichtungen und Bürgerinnen und Bürger genannt. Sie könnten von sauberen Ökosystemen, einer Risikominderung, einem besseren Ruf und einer höheren sozialen Akzeptanz ihrer Projekte profitieren, heißt es. Mit diesem "innovativen" Werkzeug soll Natur zu einem "Vermögenswert" gemacht werden, der Investoren anlockt. Als Beispiele werden die Wiederherstellung von Feuchtgebieten und die Erweiterung von Waldflächen genannt. In Frankreich, Estland und Peru laufen derzeit entsprechende Modellversuche.
Durch den Braunkohletagebau wird der Hambacher Wald bis auf eine
Vorwandsrestfläche verkleinert. Ohne das grüne Licht der Landesregierung
würde jedoch kein einziges Unternehmen seine Maschinen entsenden und ganze
Landschaften tiefgründig dem Erdboden entreißen.
Werden solchen Unternehmen in der EU-Zukunft Naturgutschriften
zugeschanzt, nur weil sie nach verrichtetem Zerstörungswerk ihre
dann nutzlosen Bagger wieder zurückziehen?
Foto: © 2015 by Schattenblick
Bis zum 30. September 2025 bestand für interessierte Personen die Möglichkeit, sich zu dem Vorhaben der EU-Kommission zu äußern. Bis Ende des Jahres wird eine Expertengruppe zusammengestellt, die das System der Naturgutschriften, ihre Zertifizierung, ihren Erwerb, die Überwachung der Projekte und den Handel mit angesparten Gutschriften beratschlagen soll.
Bereits in der Einleitung des Fahrplans stellt die EU-Kommission klar, dass Naturschutz neben öffentlichen Geldern auch der Investitionen aus dem Privatsektor bedarf. Das erste Kapitel trägt dann auch die bezeichnende Überschrift: "Wirtschaftlicher und unternehmerischer Nutzen naturpositiver Maßnahmen." Daran wird deutlich, dass der Fahrplan vor allem an Unternehmen adressiert ist. Wörtlich heißt es:
"Es wird beabsichtigt, die verschiedenen Finanzierungsquellen für die Natur, z. B. öffentliche Mittel, zu ergänzen, indem die Entwicklung von Instrumenten mit hoher Integrität wie Naturschutzgutschriften unterstützt wird, durch die Investitionen in die Natur zu einem zuverlässigen Motor für die Wertschöpfung werden."
Aus dem Wort "Wertschöpfung" lässt sich ablesen, welchen Naturbegriff die EU-Kommission unhinterfragt verwendet. Denn wenn Werte erst noch geschöpft werden müssen, haben sie bis dahin nicht existiert. Solange sich Natur ökonomisch nicht verwerten lässt, wird sie als ungeschützt definiert. Zwar bedeutet Wert für sich genommen nicht zwangsläufig "Geldwert", aber so, wie die EU-Kommission für das Konzept der Naturgutschriften wirbt, meint sie genau das.
Es geht hier nicht um Peanuts. Bis 2026/2027 sollen zehn Prozent des EU-Haushalts für die biologische Vielfalt bereitgestellt werden. Da hierfür Investitionen in Höhe von jährlich 65 Mrd. EUR veranschlagt werden, sollen die öffentlichen Ausgaben durch private Finanzmittel in Milliardenhöhe ergänzt werden.
Absehbar werden Naturgutschriften kein Bestandteil einer Abkehr von den verbrauchsintensiven Produktionsverhältnissen in den EU-Staaten sein, sondern sie werden dazu beitragen, diese zu legitimieren. Der Anspruch, die Natur schützen zu wollen, bedeutet faktisch, den Anspruch zu erheben, mittels Gutschriften eine gewisse Verfügungsgewalt nunmehr auch über jene natürlichen Ressourcen zu erlangen, die ihr bislang noch nicht oder nicht vollständig unterworfen sind. Durch Naturgutschriften wird zwar kein Eigentumsanspruch auf ein Naturgut erhoben, beispielsweise würde ein Waldgebiet, für das eine Naturschutzgutschrift anerkannt wird, nicht den Besitzer wechseln, doch würden sich die Nutzungsrechte und auch die Gewohnheitsrechte ändern.
Moorvernässung des 22 Hektar großen Weißen Moores an der Bundesstraße
5 zwischen Stelle-Wittenwurth und Neuenkirchen (Kreis Dithmarschen)
unter Federführung der Stiftung Naturschutz.
Solche Projekte zum Arten- und Klimaschutz wären typische Beispiele
für die geplante Vergabe von Naturgutschriften.
Foto: © 2025 by Schattenblick
Für das geplante System der Naturgutschriften dient der Emissionshandel als vermeintlich leuchtendes Vorbild. Das geht aus der Grundsatzrede hervor, die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen am 13. September 2024 auf der DLD Nature Konferenz in München hielt. Das Akronym DLD steht für Digital Life Design, einem 2005 erstmals einberufenen informellen Treffen, das sich laut Selbstdarstellung zu Europas führender Innovationskonferenz für Visionäre rund um den Globus entwickelt hat. Die deutsche Übersetzung der in Englisch gehaltenen Rede ist im Presseraum der EU-Kommission abrufbar:
"Wir können einen Markt für die Wiederherstellung unseres Planeten schaffen. Das klingt fast zu gut, um wahr zu sein. Aber wir wissen, dass es möglich ist, wenn wir die richtigen Vorgaben machen. Denn es ist uns schon einmal gelungen. Hier in Europa haben wir bereits einen unglaublich wirksamen CO2-Markt. Er funktioniert seit fast 20 Jahren. Das Prinzip ist ganz einfach. Es besagt: Du willst verschmutzen - du zahlst. Du willst nicht zahlen - dann betreibst du Innovation. Und es hat funktioniert. In dieser Zeit sind die Treibhausgasemissionen um beinahe 50% zurückgegangen, während die Wirtschaft gewachsen ist. Gleichzeitig erwirkte der Preis, den wir dem CO2 gegeben haben, Einnahmen von 180 Milliarden EUR, die in Klimaprojekte und Innovationen reinvestiert werden."
Ein unglaublich wirksamer CO2-Markt? Die seit vielen Jahren immer wieder vorgebrachten Kritikpunkte am EU-Emissionshandel und seiner angeblichen Wirksamkeit sind Legion. Beispielhaft sei hier auf eine jüngere Studie von Niklas Stolz (ETH Zürich) und Benedict S. Probst (Cambridge University) verwiesen, die am 10. September 2025 von der Fachzeitschrift "Nature Communications" online gestellt wurde. Die beiden Forscher haben die historischen CO2-Emissionseinsparungen und Klimaschutzziele von 89 multinationalen Unternehmen analysiert und herausgefunden, dass in deren Klimastrategien "kein signifikanter Unterschied" erkennbar war, ob ein Unternehmen CO2-Emissionszertifikate gekauft hatte oder nicht. Die Bedeutung des Kohlenstoffhandels sei "vernachlässigbar", lautet das ernüchternde Resümee.
Ein paar der zahlreichen Kritikpunkte, die in der Vergangenheit gegen das CO2-Emissionshandelssystem vorgebracht worden waren, werden von der EU-Kommission in ihrem neuen "Fahrplan für Naturgutschriften" aufgegriffen und finden sich in wohlklingenden Absichtsbekundungen wieder. Von einer Entkräftung der Kritik kann natürlich keine Rede sein, da die Naturgutschriften noch nicht verwirklicht wurden.
"Um für die Glaubwürdigkeit des Verfahrens zu sorgen, müssen strenge Kriterien und Grundsätze festgelegt werden, um die Transparenz sicherzustellen, Interessenkonflikte zu vermeiden und Grünfärberei und Doppelzählungen zu verhindern. Die Trennung der Rollen von Projektträgern, Zertifizierungsstellen und Registerbetreibern ist von zentraler Bedeutung, um die Integrität des Systems und das Marktvertrauen zu wahren." (S. 6/7)
Der Verwaltungsaufwand soll "so gering wie möglich" gehalten und Zertifizierungen auf bestehenden Standards aufgebaut werden. Die EU-Kommission verspricht, sich an die Grundsätze ähnlich denen halten zu wollen, die von weltweit mehr als 50 Initiativen in Verbindung mit solchen Gutschriften formuliert worden sind. Und was seit der Gründung 1872 des weltweit ersten Naturschutzgebietes, des Yellowstone Nationalparks, bis heute immer wieder gegen solche von oben herab beschlossenen vermeintlich positiven Naturschutzmaßnahmen an Kritik vorgebracht wird, nämlich dass über die Köpfe der angestammten Bevölkerung hinweg entschieden und diese im Namen des Naturerhalts misshandelt, getötet, an den Rand gedrängt oder auf andere Weise benachteiligt wird, integriert die EU-Kommission ausgesprochen geschmeidig:
"Besonderes Augenmerk sollte auch darauf gelegt werden, dass indigene Völker und ortsansässige Gemeinschaften unter uneingeschränkter Achtung ihrer Rechte, ihrer Wissenssysteme und ihrer Rolle als Garant für die biologische Vielfalt sinnvoll einbezogen werden." (S. 10)
Mit solchen wohlfeilen Worten können vergangene Gräueltaten gegenüber Indigenen sowohl innerhalb als auch außerhalb Europas nicht ungeschehen gemacht werden. Aber vermögen sie wenigstens zukünftige Übergriffe und Drangsalierungen, dann im Namen von Naturgutschriften, zuverlässig zu verhindern? Im obigen Zitat stechen zwei Formulierungen hervor, die Zweifel daran wecken.
Erstens wird jenen Gemeinschaften zugesichert, dass "ihre Rechte" geachtet werden sollen. Klingt gut, kann aber, wie in der Vergangenheit geschehen, auf etwas sehr Übles hinauslaufen. Denn häufig besitzen indigene Gemeinschaften gar keine Rechte, wenn sie beispielsweise ein bestimmtes Waldgebiet nutzen. Das brauchen sie auch nicht. Sie haben dort von jeher Feuerholz, Nüsse oder Früchte gesammelt oder ihr Vieh weiden lassen. Dafür waren sie niemandem Rechenschaft schuldig. Mit der Einführung des Rechts dagegen hielten die Beschränkungen Einzug. Das, was die Indigenen oder lokale Gemeinschaften womöglich seit Generationen praktiziert haben, wandelte sich durch das Verlangen von Eigentumstiteln seitens der jeweiligen Regierung plötzlich in Zuwiderhandlungen gegen geltendes Recht und wurde meist gewaltsam unterbunden. Auch im Namen des Naturschutzes. Dafür gibt es Beispiele.
Zweitens stellt sich die Frage, wie der beabsichtigte "sinnvolle" Einbezug lokaler Gemeinschaften aussehen soll. Falls diese erklären, dass sie Naturgutschriften für eine ganz und gar unnütze Erfindung halten und nichts damit zu tun haben wollen, würde sich die EU dann mit ihrem Anliegen zurückziehen? Wer wird die Definitionshoheit über die Beantwortung der Frage, was "sinnvoll" ist, erhalten und welcher Maßstab würde dafür angelegt? Was wäre, wenn Indigene sich genauso verhielten wie die EU-Kommission, nur umgekehrt, und verlangten, dass die europäischen Wälder nach indigenem Verständnis "sinnvoll" umgestaltet werden sollten? Das Beispiel mag abwegig erscheinen, aber wohl nur, weil das kolonialistisch-übergriffige Denken tief im westlichen Wertesystem verankert ist.
Kulturlandschaftliche Korrekturen
Damit das vom Abtorfen geschrumpfte Hochmoor wieder wachsen kann,
wurde rundum eine Spezialdichtfolie eingezogen, die das Regenwasser
zurückhält. Aktuell wird zusätzlich ein flacher Wall aufgehäuft, um
das Moorwachstum zu verstärken.
Foto: © 2025 by Schattenblick
Schon vor sechs Jahren schrieb Barbara Unmüßig, damals im Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung, auf boell.de unter dem Titel: "Wir brauchen keine 'Versöhnung von Ökonomie und Ökologie', sondern ein klares Nein gegen zerstörerische und ausbeuterische Projekte und Politiken - und eine Repolitisierung der ökologischen Debatte":
"Natur als Naturkapital zu betrachten, sie in ökonomischen terms zu messen, ihre Dienstleistungen in Geldwert auszudrücken und sie in Preisen auszudrücken, gilt als Weg, Natur und Ökosysteme zu schützen. Das ist dann aber weniger die Ökonomie überdenken als Natur nochmals kapitalistisch umzudefinieren."
Damals waren Naturgutschriften noch nicht im Gespräch. Wohl aber wurden Begriffe wie "Ökosystemdienstleistungen" oder "naturbasierte Lösungen" diskutiert, die in der gleichen Denktradition aufgekommen sind. Es herrschte und herrscht die Vorstellung vor, Klima- und Naturschutz ließe sich nur mittels einer grünen Ökonomie und der Monetarisierung von Naturgütern verwirklichen.
Die Absichtserklärungen der EU-Kommission in ihrem "Fahrplan für Naturgutschriften" dürften sich in den nächsten Jahren als Blendwerk herausstellen, sobald es zu konkreten Umsetzungen kommt. Denn neue Etiketten täuschen nicht darüber hinweg, dass der Inhalt der gleiche geblieben ist. Eigentlich erhält nicht die Natur Etiketten, wo sie vorher billig ausgebeutet worden war, sondern das profitorientierte Wirtschaftssystem soll vom Zerstörer zum Heilsbringer umetikettiert werden.
Man will ergänzend zur öffentlichen Hand marktwirtschaftliche Kräfte dafür einsetzen, um die inzwischen bis in die letzten Refugien der Mit- und Umwelt zu beobachtenden Schadensfolgen eben jenes marktwirtschaftlichen Handelns zu beheben. Zu behaupten, dass dabei etwas anderes herauskommt als ein weiterer Schritt auf dem schon vor langer Zeit eingeschlagenen Weg des Menschen in seinem räuberischen Stoffwechselverhältnis zur Um- und Mitwelt, könnte man als schlechten Scherz bezeichnen, wenn er nicht von so großer Tragweite wäre.
Anstatt die Naturzerstörung tiefergehend zu untersuchen, soll mit "Naturgutschriften" die Eingriffstiefe des Kapitalismus in den Naturhaushalt ausgedehnt werden. Dabei ersetzt die neue Form der Verwertung nicht die alte, sondern sie sattelt auf ihr auf. Nur unter der Androhung, dass die angerichteten Schäden noch viel heftiger ausfallen würden, wenn man nicht mittels Naturgutschriften eingreift, lässt sich der Eindruck erwecken, mit ihnen werde jetzt endlich die Natur geschützt. Deshalb ist auch mehrheitlich von vielen gesellschaftlichen Kräften, einschließlich der großen Naturschutzorganisationen, alles in allem Zuspruch für das System der Naturgutschriften zu erwarten.
Der Kapitalismus folgt keiner naturgesetzlichen Zwangsläufigkeit. Die 14.000 Tonnen schweren und 200 Meter langen Schaufelradbagger aus dem Braunkohletagebau sind nicht wie außerirdische Marodeure in Kinofilmen plötzlich vom Himmel gefallen, um die Erde ihrer Ressourcen zu berauben, sondern sie sind Ergebnis einer technologischen Entwicklung des Menschen, die schon weit vor der Industrialisierung eingesetzt hat und bruchlos mit ihr fortgeführt wurde. Allerdings fällt die Produktivität des Kapitalismus und folglich auch dessen Fähigkeit zur Naturzerstörung ungleich höher aus als die vieler anderer Wirtschaftssysteme. Demnächst vielleicht mit dem Feigenblatt der Naturgutschrift.
Mit "Lang lebe Europa" beendete Ursula von der Leyen die weiter oben zitierte Grundsatzrede. Vermag die Förderung von Natur-, Umwelt- und Klimaschutz an Identifikation das zu leisten, was der Nationalismus in den USA an gesellschaftlicher Bindekraft leistet? Werden sich die EU-Bürgerinnen und -Bürger selbst noch in Zeiten wirtschaftlichen Niedergangs oder gar kriegerischer Auseinandersetzungen hinter die blaue Fahne mit den kreisförmig angeordneten gelben Sternen stellen, weil die Europäische Union angeblich nachhaltiger wirtschaftet? Das versucht der EU-Verwaltungsapparat zwar zu beschwören, lässt sich aber nicht so einfach als Identifikationsanreiz herstellen. Die Durchsetzung der grünen Ökonomie innerhalb und außerhalb Europas gelingt nicht in dem Umfang, wie Brüssel es sich erhofft haben mag.
Zumal sich ein eklatanter Widerspruch auftut zwischen der angeblichen Besorgnis um die Natur und der gewaltigen, generationenüberdauernden Naturzerstörung in der Ukraine, wo auch die Europäische Union ihre hegemonialen Interessen verfolgt. Wieviele Gutschriften wohl geschrieben werden müssten, um all diese Zerstörungen, einschließlich der mit dem Kriegstreiben einhergehenden CO2-Emissionen und ihren Klimafolgeschäden, zu kompensieren? Man machte es sich viel zu einfach, wollte man das alles nur einer Seite dieses Konflikts anlasten.
Wertloses Zeugs am Wegesrand, da noch nicht kapitalisiert?
Foto: © 2019 by Schattenblick
7. November 2025
veröffentlicht in der Schattenblick-Druckausgabe Nr. 184 vom 29. November 2025
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